Horst Evers - Wedding

Originaltitel: Wedding
Erzählung(en). Diverse 1994
110 Seiten, ISBN: 3924158339

Bereits im Vorwort findet man eine sehr gelungene Zusammenfassung der Texte in diesem Buch:

Horst Evers Texte spielen auf dem Leopoldplatz, in seiner Parterre-Wohnung, in Eckkneipen oder im Nachtbus und erzählen von wohlwollenden Weddingern, Käfern, gutorganisierten Alkoholikern oder Nachbarn die sich noch für ihre Mitmenschen interessieren, oft mehr, als es den Mitmenschen lieb ist. Sein abstruser, hintergründiger Witz, die verblüffenden Wendungen und Entwicklungen in seinen Geschichten, sowie der oft eigenwillige Stil seiner für den Vortrag geschriebenen Texte fügen sich zusammen zu einer kleinen Liebeserklärung an Berlins traditionellen Arbeiterbezirk.

Vorab sollte ich vielleicht erzählen, dass ich Horst Evers mittlerweile schon einige Male auf diversen Kleinkunstbühnen erlebt habe, als er seine Texte vorgelesen hat.

Und jedes mal habe ich mich dabei köstlich amüsiert. Er zeichnet ein Bild von sich, von dem man sich eigentlich mit Grausen abwenden müsste: eine absolut verdreckte, zugemüllte Wohnung, faul bis zum letzen, Alkoholiker, verwahrlost.

Aber anstelle des Grauens taucht das Gelächter auf, wenn man sich Details vorstellt, die eben tatsächlich passiert sein könnten, wenn er die Unfreundlichkeit der Weddinger ad absurdum führt, wenn er seine Schlamperei zur Schwerstarbeit hochstilisiert und vor allem, wenn er Geschichten erzählt, die mit seiner Nachbarschaft zu tun haben.

Da ich beim Lesen ständig Horst Evers Stimme im Ohr hatte und mir vorstellen konnte, wie er diese Texte bringt, haben sie mir ausgesprochen gut gefallen - ob das auch ohne Kenntnis der Person so amüsant ist, weiß ich natürlich nicht, aber ich habe eine Kostprobe unten angeführt.

Ach ja: und extrem ordnungsliebenden Menschen würde ich das Buch nicht empfehlen, hier könnte tatsächlich das Entsetzen überwiegen.

Viel Spaß!

Monika - In der neuen Wohnung

Dienstagmorgen 5.30 Uhr. Das Telefon klingelt. Ich schrecke auf. Telefon, um diese Zeit, das muss wichtig sein. Ich springe aus dem Bett und haste zum Telefon. Das heißt: Genau genommen renne ich ins Zimmer, laufe mit rudernden Armen auf und ab und schreie: " Wo is denn das scheiß Ding, verdammt, muss doch irgendwo sein, wo isses denn?" Ich muss sehr laut geschrieen haben, denn jetzt brüllts aus der Nachbarwohnung:

"Unter den Zeitungen, wie immer Du Idiot!"

"Ah ja, Danke."

"Keine Ursache."

Die Wände in der neuen Wohnung sind eher dünn, obwohl durchgucken kann man nicht, auch nicht schemenhaft, das ist ja schon ganz gut, von wegen Privatsphäre, obwohl interessieren würds mich manchmal schon, aber egal.

Ich greife unter die Zeitungen, ertaste einen telefonhörerähnlichen Gegenstand, reiße ihn mir ans Ohr und zertrümmere eine Vase an meinem Kopf. Versuche mir zu merken, nie wieder Vasen kaufen, die sich so ähnlich anfühlen, wie Telefonhörer, und wenn doch, nie unter die Zeitungen legen, ist auch nich gut für die Blumen.

Um weitere Schmerzen zu vermeiden, entscheide ich mich jetzt für die Kabeltechnik. Greife das Telefonkabel und ziehe solange, bis das Telefon zum Vorschein kommt. Das klappt. Unter dem Stapel mit der Dreckwäsche rührt sich was. Da ist es. Klopfe schnell an die Nachbarwand:"

"Ey Mann, war gar nicht unter den Zeitungen, war unter der Wäsche, du Blödkopp!"

"Tschuldigung"

"Jaja, schon gut"

und hebe ab. Das Telefon.

"Hallo, hier is nochmals Monika, ich wollt dir nur sagen, es ist endgültig aus zwischen uns."

Ehe ich etwas sagen kann, legt sie auf. Ich kenne keine Monika. Von daher sollte mich dieser Verlust eigentlich nicht zu sehr treffen. Obwohl, wie sehr man jemanden mag, merkt man ja immer erst, wenn man ihn verliert. Die Nachbarwohnung meldet sich nochmal.

"Wer war denn dran?"

"Monika."

"Wer issn dis?"

"Keine Ahnung, aber sie hat mit mir Schluss gemacht."

"Ohh. Kommste damit klar, oder soll ich rüberkommen?"

"Du warst doch noch nie hier in der Wohnung."

"Stimmt auch wieder. Na denn, versuch ich noch ne Mütze Schlaf zu nehmen, wa?"

"Okay."

Für mich jedoch ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Monika. Verdammt, was war mit uns beiden nur schief gelaufen. Ich glaube, wir hatten einfach zu wenig Zeit füreinander. 5 Sekunden, darauf kann man keine wirklich innige Beziehung aufbauen. Zumindest keine, die tiefer dringt, als die erste stürmische Leidenschaft. Ich blicke auf die zerbrochene Vase, sie ist die einzige Erinnerung die mir bleibt, an Monika, ein weiteres gebrochenes Herz in dieser schier endlosen Kette. Mensch Horst, denke ich, du bist schon ein Schwerenöter und schnitze eine weitere Kerbe in meinen Schreibtisch.


Horst Evers

Horst Evers wurde 1967 in Evershorst geboren und kam 1987 nach Berlin. Dort studierte er Germanistik und Publizistik. Die ersten 10 Jahre lebte er im Wedding, seither mit Frau und Kind in der besseren Ecke Kreuzbergs. Seit 1990 steht er regelmäßig auf Berlins Kleinkunstbühnen und trägt dort seine Texte vor, zur Zeit zB jeden Sonntag um 13:00 Uhr in Dr. Seltsams Frühschoppen. Mittlerweile hat der Erfolg Einzug gehalten: So wurden ihm beispielsweise 2000 der Kabarettpreis "Paulaner Solo" und 2001 die Kleinkunstpreise "Prix Pantheon" und der "Salzburger Stier" verliehen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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