Eva Rossmann - Evelyns Fall

Originaltitel:
Krimi. Folio Verlag 2010
243 Seiten, ISBN: 3852565286

Unfassbar, dass so ein Häuschen in der unmittelbaren Nähe von Wien stehen soll - und auch noch bewohnt wird! - und nicht irgendwo in Rumänien. Unter dem billigen Linoleum, das sich an manchen Ecken hochwölbt, sind nur ein paar Balken und darunter blanker Lehm zu finden. Das also war die letzte Behausung von Evelyn Maier, 42. Ein Sozialfall. Unbehandelte Diabetes, hohes Übergewicht, kein Job, keine Perspektive, keine Freunde, nur ein Handy und zwei Kinder, die sie seltenst sieht. Der Tod dieser Frau ruft keine Heerscharen von Journalisten herbei, die darauf drängen, dass auch das letzte Fitzelchen Unklarheit aufgedeckt wird. Es war ein Unfall, wird ganz schnell entschieden. Und dem Gespür der Tochter, die an einen Unfall unter diesen Umständen nicht glauben kann, kein Gehör geschenkt.

Aber Celine Maier ist zum Glück mit Jana befreundet. Und Jana ist die Tochter von Vesna - die sich mit Mira gemeinsam bereit erklärt, sich dort mal eben umzusehen. Aber außer der erschütternden Einsicht, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft Menschen so leben und sterben müssen wie Evelyn kommt erstmal nicht viel heraus.

Da muss Mira erst eins über den Kopf gezogen werden, als sie sich nochmal in der Hütte umsieht, damit auch dem letzten klar ist: hier ist was faul. Und als dann das vermisste Handy der Toten gefunden wird und auf den Videoaufzeichnungen, die Evelyn ständig gemacht hatte, mehrmals ein Maybach vor ihrem Haus gesehen wird, stehen alle Zeichen auf Alarmbereitschaft. Evelyn war in ihrer Jugend eine gute Sängerin, stand mit ihrer Band "Three Friends" bei einem Wettbewerb kurz vor dem Durchbruch, doch über das abrupte Ende dieser Karriere hatte sie nie sprechen wollen.

Der Maybach, soviel finden die Hobbydetektivinnen heraus, gehört einem ehemaligen Mitglied der Band, der mittlerweile ein großes Autohaus betreibt. Gab es etwas in der Vergangenheit, das nun ans Licht sollte? Musste Evelyn deshalb sterben?

Eva Rossmanns großes Anliegen bei diesem Fall ist ganz klar die Armut, die es parallel zu unserer Wohlstandsgesellschaft immer mehr gibt. Das artet hier allerdings in meinen Augen an so mancher Stelle in Betroffenheitsprosa aus; wenn Mira Valensky immer wieder innehält und ganz treubrav erschüttert ist, weil es ihr so gut geht und anderen so schlecht. Und ganz schnell wird die Handlung auch wieder weg vom trostlosen Papphüttchen hin in ein mondänes Autohaus oder aber in die chice Innenstadtdachgeschoßwohnung verlegt… kurzum: ich gestehe Frau Rossmann jederzeit zu, wirklich aus bester Absicht und Betroffenheit heraus geschreiben und auch fleißig recherchiert zu haben. Aber anders als zum Beispiel bei ihrer zweiten Hauptfigur, Vesna Krajner, die aus Bosnien stammt, lange illegal hier war und sich nun mit einer Reinigungsfirma selbständig gemacht hat, fehlt beim Umgang mit der Armen, der Toten, das Selbstverständliche. Es schwingt immer ein herablassendes Bedauern mit.

Dass der Krimifall an sich einige Schäwchen in der Motivbegründung hat, sei Eva Rossmann allerdings verziehen. Diese Krimis liest man (oder besser wohl: ich) ohnehin vorwiegend, um zu sehen, wie es mit den Hauptfiugren weitergeht, und um sich gedanklich für ein paar Stunden in und um Wien befinden zu können.

Eva Rossmann

Eva Rossmann, geboren 1962 in Graz. Zuerst Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt, dann politische Journalistin. Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens, ständige Kolumnistin im Standard. Lebt als Autorin im Weinviertel und veröffentliche zahlreiche Sachbücher, bevor sie begann, auch Kriminalromane zu schreiben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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