Jeffrey Eugenides - Middlesex

Originaltitel: Middlesex
Roman. Rowohlt Verlag 2003
734 Seiten, ISBN: 3498016709

Cal wird häufig für einen Homosexuellen gehalten - seine maßgeschneiderte Kleidung und eine gewisse feminime Art tragen dazu sicher nicht wenig bei. Doch die wahre Ursache für seine ambivalente sexuelle Ausstrahlung kennen nur wenige Menschen: Cal wurde eigentlich als Calliope geboren. Er ist ein Hermaphrodit, ein Mensch, der sowohl über weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane verfügt.

Hermaphroditen sind häufiger, als vielleicht allgemein bekannt ist. Vor allem auch in den Bergdörfern Griechenlands und der Türkei waren seit langer Zeit Fälle bekannt - und hier nahm auch das Gen seinen Ursprung, das für Cals Geschlecht verantwortlich zeichnet.

1922 war für die Geschwister Desdemona und Lefty in ihrem kleinen Bergdorf noch nicht daran zu denken, dass eines Tages im amerikanischen Detroit ihr Enkel mit dem altbekannten Makel des Inzest geboren werden würde. 1922 waren sie vielmehr damit beschäftigt, zu überleben - sich selbst überlassen, seit ihre Eltern gestorben waren, und mit der Bedrohung durch die Türken im Hintergrund. Nur wenige junge Menschen waren noch im Dorf übrig geblieben - wer vermochte es Lefty also zu verdenken, dass ihn das Verlangen nach einer Frau nach Bursa, die nächstgrößere Stadt, trieb? Doch so weit er auch fortgehen mochte - die Frauen, die er wählte, sahen immer einer ähnlich. Seiner Schwester. Ein erneuter Angriff beschleunigte dann, was unausweichlich schien: der Beginn der inzestuösen Beziehung zwischen Bruder und Schwester.

Es gelang ihnen, aus der brennenden Stadt Smyrna zu fliehen, ein Visum für Amerika zu erhalten; und hier, auf der Überfahrt ins neue Land, wurde aus den Geschwistern Mann und Frau. Ihr Geheimnis bleibt wohlverwahrt - auch die Cousine, bei der sie in Detroit ihre erste Anlaufstation finden, wahrt das Geheimnis.

Es folgt ein Streifzug durch die nächsten Jahrzehnte; Einwandererprobleme, ein Versuch, an Henry Fords Fließbändern zu arbeiten, die große Depression, der zweite Weltkrieg, Rassenunruhen in Detroit; die nächste Generation kommt ins heiratsfähige Alter und wieder wird unter Verwandten geheiratet, ein Sohn geboren, und danach eine Tochter. Cal. Calliope.

Ein hübsches Mädchen, ansonsten unauffällig. Ein Mädchen, das ungewöhnlich lange flachbrüstig blieb, dessen Menstruation sich nicht einstellen wollte. Das dann plötzlich in die Höhe schoss, deren Stimme tiefer wurde... aber nichts davon wurde mit in Frage gestellt. Callie war sich zwar bewusst, dass an ihr etwas anders als bei anderen war, sie erfand lauter kleine Listen, um sich nicht vor anderen ausziehen zu müssen. Und auch ihre Gefühle für ihre rothaarige Mitschülerin, ihr "Objekt der Begierde" empfindet sie im Klima der Mädchenschule nicht als besonders augenfällig.

Doch gerade in jenem Sommer, als sie mit dem Objekt ihrer Begierde die Sommerferien verbringen darf, wird ihr Geheimnis aufgedeckt...

Eigentlich liest man hier nicht einen Roman, sondern drei. Der erste beinhaltet eine Emigrantengeschichte, die mit zahlreichen obskuren Begegnungen angereichert ist. Das liest sich zwar ganz nett, ist aber immer gerade den kleinen Bogen zuviel überdreht, der dann dafür sorgt, dass es mich nicht mehr unmittelbar anspricht, ich keine Berührungspunkte zu meiner eigenen Wirklichkeit mehr finde.

Dann die zweite Generation, die noch blasser und konturenloser bleibt als die erste; ein Streifzug durch die Geschichte, der mich wirklich interessiert hat. Das Problem war nur, dass der Autor hier so viele Geschichten erzählen wollte, dass er in meinen Augen keine richtig erzählt hat. Auch das war zwar ganz nett zu lesen, aber nicht umwerfend. Dass alles aus der Sicht des allwissenden Erzählers, der noch dazu Cal selbst darstellte, geschrieben war, hat die Sache für mich nicht unbedingt verbessert; zwar ergeben sich durch die ganz bewusst gesetzten persönlichen Einleitungen zu manchen Szenen nette Elemente, aber das Stilelement, die Beweggründe und Emotionen sämtlicher Protagonisten einnehmen zu können, wird nicht immer ganz glücklich eingesetzt. Nur die Tatsache, dass der Autor dieses Stilmittel dann zur Selbstkarikierung einsetzt hat mich damit wieder ein bisschen versöhnt.

Aber all diese kleinen Widrigkeiten beim Lesen des über 700 Seiten starken Schmökers sind vergessen, wenn Eugenides wirklich in Fahrt kommt und die eigentliche Geschichte erzählt - die Geschichte des Mannes, der als Mädchen aufwuchs.

Der Autor hält hier auf wunderbare, unnachahmliche Weise die Balance zwischen der sensationslüsternen Schilderung der Abnormität und der sowohl sensiblen als auch plausiblen emotionalen Verwirrung Callies. Ihr Leiden unter der Flachbrüstigkeit, die Scham, anders als alle anderen zu sein, die verwirrenden Gefühle, die sie für das Objekt und dessen Bruder empfindet - das ist sowohl stilistisch als auch (und vor allem) inhaltlich zur Perfektion gereift.

Sie interessieren sich nicht für Einwanderergeschichten? Kein Problem. Lesen Sie gut zwei Drittel des Buches einfach quer.
Sie interessieren sich nicht für Hermaphroditen? Versuchen Sie das Buch trotzdem. Es ist ganz anders, als man es erwartet - und zwar besser.

Jeffrey Eugenides

Jeffrey Eugenides wurde 1960 in Detroit/Michigan als Enkel griechischer Einwanderer aus Kleinasien und, mütterlicherseits, anglo-irischer Vorfahren geboren. Sein erster Roman "The Virgin Suicides", der 1993 erschien, erregte weltweit Aufsehen und wurde im Jahr 2000 von Sofia Coppola verfilmt. Amerikanische Kritiker rechneten Eugenides in "The New Yorker" und "Granta" zu den besten jungen amerikanischen Romanautoren der Gegenwart, und sein zweiter, ungeduldig erwarteter Roman "Middlesex" wurde mit Begeisterung aufgenommen. Seit längerem lebt er mit Frau und Tochter in Berlin. Im April 2003 wurde er für "Middlesex" mit dem begehrten Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Die Selbstmordschwestern
  • Middlesex
  • Liebeshandlung

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