Frank Meinshausen - Das Leben ist jetzt. Neue Erzählungen aus China

Originaltitel: Das Leben ist jetzt. Neue Erzählungen aus China
Erzählung(en). dtv Der TaschenbuchVerlag 2003
261 Seiten, ISBN: 3518414712

Herausgegeben, mit einem Vorwort versehen und aus dem Chinesischen übersetzt von Frank Meinshausen

Die Autoren:
Dai Lai - Bist du soweit?
Bi Feiyu - Fernsteuerung
Zhu Wen - Duanli in der alten Stadt Nanjing
Han Dong - Tief im Süden
Ma Lan - Gehörverlust
Wu Chenjun - Der Weg nach Huashenmiao
Huang Fan - Quimao
Anni Baby - Sieben Jahre
Zhao Ning - Die Problemfrau
Wang Ai - Ein schriller Schrei
Li Dawei - China Wenxueshi Building


Es ist eines der bevölkerungsreichsten Länder dieser Erde, hat eine jahrtausendealte Kultur vorzuweisen - und doch findet man in unseren Buchläden kaum Werke aus dem chinesischen Sprachraum, obwohl zum Beispiel in Frankreich bereits eine ganze Reihe chinesischer Autoren in Übersetzung zu lesen ist. Auch gehören die wenigen Autoren, die ins Deutsche übersetzt werden, fast ausschließlich der Generation der um 1950 geborenen an, die die Kulturrevolution noch miterlebt hatten.

Die Probleme, mit denen sich die jüngeren Schriftsteller auseinandersetzen sind aber weniger in der Vergangenheit verhaftet: diese Generation ist durch die Niederschlagung der Reformbewegungen zutiefst enttäuscht, hat nach der Öffnung zum Westen, der zunehmenden Individualisierung neue Möglichkeiten des Ausdrucks gefunden, oft auch erst im Internet erste Veröffentlichungen ermöglicht gefunden.

Frank Meinshausen war nach China gereist, um dort auf ebendiese jungen Schriftsteller zu treffen und eine Auswahl an Geschichten zu einer Anthologie zusammenzustellen. Den Kontakt mit diesen Autoren herzustellen erwies sich als nicht so einfach; wie sollte er an die Autoren, ihre Texte, kommen, die oft nicht in den Buchhandlungen greifbar waren? Wie sollte er aus dem Wust an Unterhaltungsliteratur, der auch in China dominiert, die literarischen Perlen ausgraben?

Wie der vorliegende Band beweist ist es ihm gelungen; in einem ausführlichen Vorwort, das ich als ebenso spannend wie den Rest des Buches empfand, schildert er auch, wie diese Kontakte hergestellt wurden, wie die vorliegende Auswahl zustande kam.

Die erste Erzählung, "Bist du soweit?" handelt von einem jungen Mann, der Aktionskünstler ist. Jahrelang hatte er Ölmalerei studiert, aber seine letzten Handlungen hatten seine Eltern immer mehr zur Verzweiflung getrieben. Sie verstanden nicht, das auch eine Aktion Kunst sein konnte, fanden die bemalten Kondome, die er eines Nachmittags verteilte, peinlich - und nun wollte er gar in einen Blutkreislauf mit zwei Ausländern treten! Allen dreien sollte ihnen Blut abgenommen und gleichzeitig wieder zugeführt werden; das war keine Kunst mehr, darauf konnte man nicht mehr stolz sein, auch wenn das Foto des Sohnes in ausländischen Zeitungen abgedruckt wurde, er immer wieder auch ins Ausland eingeladen wurde. Der Vater sehnte sich nach der Zeit zurück, da der Sohn sich noch unterzuordnen hatte. So wie es bei ihm gewesen war? Nein - denn auch da hatte diese alte Ordnung schon nicht mehr funktioniert, er hatte damals tagsüber Parolen geschrieen und den Kulturkampf abends in der Familie weiter geführt...

In "Fernbedienung", der zweiten Erzählung, geht es um das Leben in der Großstadt, um einen Menschen, der wohlhabend genug ist, sich um nichts mehr kümmern zu müssen als um den immer weiter fortschreitenden Umfang seines Körpergewichts. "Ich glaube den Philosophen, wenn sie sagen: Im Zeitalter der Einsamkeit sind die Menschen fett. Mein Körper ist dafür der beste Beweis." Liebe ist Konsum, wie alles andere auch. "Im Grunde genommen ist eine Stadt nur ein gut durchgekneteter Klumpen Teig, der sich mit den Drehungen der Reifen ganz passiv nach allen Seiten ausdehnt." Es ist eine sarkastische Geschichte über die Vergeblichkeit der Anstrengung - und eine der besten Erzählungen in diesem Band.

Sehr gut gefallen hat mir auch noch "Sieben Jahre", die Geschichte der Beziehung eines jungen Mannes zu einer eigenartigen jungen Frau, die er mit Hingabe und Hass liebt, eine Frau, die sich nicht in ein soziales Gefüge einordnen lassen will und an der inneren Dunkelheit zerbricht.

Manche Erzählungen, wie zum Beispiel "Gehörsturz" oder "China Wenxueshi Building" haben mir dagegen nicht besonders zugesagt; aber durchgängige Begeisterung kann man meiner Ansicht nach bei einer Anthologie ohnehin nicht erwarten.

"Das Leben ist jetzt" ist für alle jene Leser interessant, die neugierig sind auf die Veränderungen, die sich in China abspielen, und genug von alten Klischees haben. Ich hoffe, bald auch einige der Autoren wieder lesen zu können!

Frank Meinshausen

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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