Per Olov Enquist - Kapitän Nemos Bibliothek

Originaltitel: Kapten Nemos bibliothek
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1994
237 Seiten, ISBN: 3423125063

Ein kleines schwedisches Dorf, in dem jeder jeden kennt. Und plötzlich fällt einer Gottesdienstbesucherin auf, dass die Ähnlichkeit des Kindes ihrer Schwester mit einer anderen Frau frappierend ist. Das stimmt, befinden auch die Gerichte - die beiden Kinder, am selben Tag geboren, wurden vertauscht. Nun soll das Recht wieder hergestellt werden. Der Erzähler lebt ab diesem Tag bei seinen richtigen Eltern - und muss nicht nur auf die Mutter verzichten, die er trotz mangelnder Zärtlichkeit ins Herz geschlossen hat, sondern auch auf das Haus, das er als seines erachtete, die Stellung, die ihm eigentlich zugedacht war.

Denn seine richtige Mutter, Alfild, war psychisch krank. Trotzdem lernt er, sie liebzugewinnen - zu einem Zeitpunkt, als es kaum für möglich zu erachten war. Ihre Krankheit schreitet immer weiter voran, sie verwandelt sich in ein Tier, sie muht, sie wird versteckt - und schließlich doch gefunden und in eine Nervenheilanstalt gebracht, was sie nicht lange überlebt.

Johannes dagegen bekommt, um nicht länger so nervös zu sein, eine Schwester, eine Pflegeschwester - Eeva-Lisa. Denn mit seinem ehemals besten Freund spielt er nicht mehr - er ist der, gegen den er ausgetauscht wurde. Sie wachsen erst wieder zusammen, als Eeva-Lisa sich verliebt - und sie, die sie beide vergöttern, von Eifersucht übermannt werden...

An manchen Stellen ist dieses Buch, diese Geschichte der ausgetauschten Jungen so beklemmend, dass man vor Mitleid kaum noch Luft bekommt. Doch dann folgen wieder Szenen, die mich einfach nur genervt-ratlos zurückgelassen haben, die mir unsinnig, zu überzeichnet-märchenhaft erschienen, zu verrückt, als dass ich Lust gehabt hätte, mich weiterhin drauf einzulassen.

Trotzdem berührt das Buch eigentümlich; die Stimmung eines schwedischen Dorfes, weltabgeschieden und jegliche Lebensfreude bestrafend, wird manchmal geradezu plastisch spürbar. Vor allem die Geschichte Eeva-Lisas, des Mädchens, dessen Mutter wahrscheinlich eine Künstlerin war, die es mit der Moral nicht ganz so genau nahm, und die dann selbst dem ersten bisschen Zärtlichkeit, das ihr entgegengebracht wird, erliegt, ist unsagbar traurig - und erfüllt doch mit großer Zärtlichkeit, wenn man sieht, was der Erzähler unternimmt, um wenn schon nicht ihr Leben, so doch ihre Ehre zu verteidigen.

Die Grenzen zwischen den beiden Jungen werden im Text immer wieder aufgehoben; es scheint, als ob der Erzähler durch die Vertauschung in Kindertagen eine unglückliche Symbiose eingegangen wäre, die ihm ein eigenständiges Wachsen verwehrt.

"Kapitän Nemos Bibliothek" ist ein Buch, das erst im Nachhinein wirkt; auch wenn ich beim Lesen nicht immer gefesselt war, die Bilder und Fragestellungen haben sich eingebrannt.

Per Olov Enquist

Per Olov Enquist wurde 1934 geboren in dem kleinen Dorf Hjoggböle in der nordschwedischen Provinz Västerbotten. Er studiert Literaturwissenschaft in Uppsala und verkehrt in einem Milieu (u.a. um die Literaturzeitschrift 'Rondo'), das am Anfang der sechziger Jahre zu einem Zentrum der literarischen Diskussion in Schweden und zum Impulsgeber für zahlreiche junge Autoren wurde. Neben seiner belletristischen Schriftstellerei ist Enquist als Literaturkritiker tätig. 1965-1976 ist er ständiger Kolumnist im Feuilletonteil der überregionalen Abendzeitung 'Expressen'. Als es anlässlich des Theaterstücks 'Chez nous' zu einer Kontroverse mit der Verlagsleitung und der Chefredaktion der Zeitung kommt, kündigt er seine Mitarbeit. Im schwedischen Schriftstellerverband, dessen Vorstand er zeitweilig angehört, macht sich Enquist vor allem für die gewerkschaftliche Organisation der schwedischen Schriftsteller stark. Kulturpolitisch aktiv ist er auch als Mitglied öffentlicher Gremien.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Kapitän Nemos Bibliothek
  • Der Besuch des Leibarztes
  • Großvater und die Wölfe
  • Lewis Reise
  • Das Buch von Blanche und Marie
  • Der fünfte Winter des Magnetiseurs
  • Ein anderes Leben
  • Die Ausgelieferten

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