Francois Emmanuel - Der Wert des Menschen

Originaltitel: La question humaine
Roman. Piper Verlag 2002
99 Seiten, ISBN: 3492234135

imon ist Betriebspsychologe, hält Firmenseminare ab, berät, beurteilt - aber das Ansinnen, dass der zweite Direktor an ihn stellt, ist für ihn dennoch ungewöhnlich. Er soll Mathias Just, den Direktor, durchleuchten - den Unregelmäßigkeiten, die ihm nachgesagt werden, auf den Grund gehen, und auch herausfinden, ob sein Verhalten krankhaft verändert wäre.

Er fühlt sich manipuliert. Manipuliert von diesem Deutschen, der nie so ganz durchsichtig ist, dessen Motivation Simon unklar bleibt. Dennoch kann er sich der Aufgabe nicht entziehen, und auf verschiedenen Wegen nähert er sich Just an. Ja, auch ihm fällt ein sonderbares Verhalten auf; und kurz darauf bricht Just auch tatsächlich zusammen.

Waren die Nachforschungen, die Simon betrieben hatte, der Grund dafür? Oder doch in der Vergangenheit, bei seinem Vater, der im Krieg in Polen ein "Umsiedlungsprogramm" geleitet hatte - und der dem Sohn Jahre später immer wieder vorgehalten hatte, er wäre es nicht wert, zu leben.

Aber dem Kern nähert er sich erst, als er die Briefe in die Hand bekommt; ein Schreiben, unterschrieben "Just" - eine technische Absprache, eine Anleitung, wie die LKW´s umzurüsten wären, durch deren Abgase ganze Ladungen voll Menschen, zynisch "Ladegut" genannt, umgebracht wurden. Und als Collage vermischt liest er mit wachsendem Entsetzen Auszüge aus der ganz normalen Geschäftskorrespondenz. Man merkt kaum einen Unterschied...

Diesen Brief zu lesen, wie ganz selbstverständlich und praktisch orientiert überlegt wird, wie die Effizienz der Tötungsmaschinerie weiter gesteigert werden kann, trifft den Leser mit unvermittelter Wucht. Man kann nicht umhin, die Tüchtigkeit zu bemerken, den Erfindungsgeist - und ist entsetzt, wofür all das eingesetzt wird. Es ist eine Anweisung wie jede andere, als ginge es beim Ladegut um Steine und nicht um Menschen, als wäre es ein normaler Transport, und nicht eine möglichst effiziente Weise, rasch und billig zu morden.

An dieser Stelle steht aber auch der Roman auf der Kippe - zum trotz des geringen Umfangs gewichtigen Wert, oder zu einem nicht ganz geglückten Versuch. Leider bleibt es beim Versuch; der Autor verliert die Wahrhaftigkeit, die man über einige Seiten spüren kann. Der Focus ändert sich; wichtig ist nicht mehr, was der Text, diese Sprache mit uns anstellt, sondern wer diese Briefe verfasst hat. Schade! Ein wichtiges Thema leider verschenkt - und trotzdem ein Buch, das ich weiterempfehle, denn die Fragen, die es aufwirft, sind auf jeden Fall wichtig.

Francois Emmanuel

Francois Emmanuel, geboren 1952 in Belgien, lebt als Psychiater und Psychoanalytiker in der Nähe von Brüssel. Er hat in Frankreich bereits mehrere Romane veröffentlicht. In Deutschland wurde Francois Emmanuel mit dem Roman "Der Wert des Menschen" bekannt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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