Francois Emmanuel - Der melancholische Mörder

Originaltitel: Le tueur mélancolique
Krimi. Verlag Antje Kunstmann 2002
208 Seiten, ISBN: 3888972957

Erst war da nur der Job als Assistent in einer Detektei. Absolut diskret solle er sein; zu tun hatte Gründ nicht sehr viel mehr, als hin und wieder einen Brief zu schreiben, Akten zu vernichten, die Katze zu füttern - und mit seinem Chef, Stilkowski, zu plaudern, wenn dieser es wünschte.

Doch mit der Zeit wurden seine Aufgaben vielfältiger; Botendienste erst, die er allerdings nicht gerne übernahm, und dann dieses: Helena zu begleiten. Helena, die sich als Stilkowskis Schwiegertochter bezeichnete, und die ihm in früheren Zeiten unerreichbar erschienen wäre. Doch sie scheint einen seltsamen Gefallen an ihm gefunden zu haben.

Daher kann er dann auch nicht nein sagen, als Stilkowski von ihm erwartet, einem Mann Gift in seinen Drink zu mischen.

Aber das erweist sich als nicht so einfach wie erwartet. Der Mann, dem hier zu einem frühzeitigen Tod verholfen werden sollte, war einerseits von seltsamer Hellsichtigkeit, sagte Gründ auf den Kopf zu, dass er ihn ermorden wolle; aber andererseits auch ein Verlorener, dem seine Vergangenheit abhanden gekommen war.

Und unversehens sieht Gründ sich in der Situation, für das Opfer herauszufinden, wer ihn denn eigentlich beseitigen will - in der Hoffnung, dadurch zur eigenen Vergangenheit zurückzufinden...

Ja, es klingt ziemlich absurd, was hier als Plot kurz skizziert wurde; aber es ist auch kein Buch, von dem man eine realistische Verankerung erwarten sollte.

Wenn man das aber außer Acht lassen kann, dann erwarten einen gerade in der ersten Hälfte Dialoge, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann; voll intelligentem Witz, subtil und hintergründig.

Ein eigenartiger Held ist er, dieser Leonard Gründ; einer, der eigentlich nie ganz anwesend ist, dessen Bestimmung es zu sein scheint, übersehen zu werden.

In der zweiten Hälfte des kurzen Romans verliert sich der melancholische Grundtenor des Buches etwas, zuweilen gerät der rote Faden aus dem Blickwinkel, wird mit ein wenig zu viel Metaphorik gearbeitet.

Aber spätestens wenn es um die Auflösung geht hat er uns wieder, der Autor; und ich als Leser bin dankbar zu wissen, dass im französischen bereits mehrere Romane von ihm veröffentlicht wurden, auf deren Übersetzung ich mich nun freuen kann, denn da erwartet uns bestimmt noch das eine oder andere Gustostück jenseits des Mainstream.

Francois Emmanuel

Francois Emmanuel, geboren 1952 in Belgien, lebt als Psychiater und Psychoanalytiker in der Nähe von Brüssel. Er hat in Frankreich bereits mehrere Romane veröffentlicht. In Deutschland wurde Francois Emmanuel mit dem Roman "Der Wert des Menschen" bekannt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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