Originaltitel: Waiting for Snow in Havanna
Roman. Heyne Verlag 2003
523 Seiten, ISBN: 345387420X
Die Kurzbiographie des Autors ist gleichzeitig auch eine grob gefasste Inhaltsangabe zu diesem Buch; Carlos Eire, geborener Nieto, erlebt als Junge die kubanische Revolution und erzählt aus Kindessicht, was damals passiert ist; wie plötzlich sein behütetes Leben als Kind der Oberschicht in Gefahr gerät, so lange, bis die Eltern ihn lieber ohne Erwachsenen, ohne Hilfe in die USA schicken als ihn noch länger bei sich zu behalten.
Es ist ein Sammelsurium an Eindrücken, das auf den Leser niederprasselt; Schulgeschichten, Jungenstreiche, Erzählungen über die etwas verrückten Eltern - sein Vater war der festen Überzeugung, er wäre eine Inkarnation des Sonnenkönigs - die weit verzweigte, kuriose Familie. All das wird, manchmal flüssig, dann wieder unterbrochen durch gewollt flapsige philosophische Ausführungen, die der Profession des Autors geschuldet sind, durch "Gottesbeweise", Hasstiraden, kurzum: es ist ein ziemlich chaotisches Werk. Wie der Autor selbst an einer Stelle vermerkt: "Und außerdem lieben es die Kubaner, zu viel zu reden, alles bis in die kleinste Einzelheit zu erklären." Dem kann ich nach Lektüre dieses Buches nur zustimmen: ja, es ist zu viel geredet!
Trotzdem - oder gerade deswegen? - entsteht ein sehr farbenprächtiges Bild sowohl vom luxuriösen Leben der letzten Jahre vor Fidel Castro in Havanna, als auch von dem kleinen Jungen, der das alles erlebt. Ein einerseits unglaublich leicht zu verängstigendes Kind, das sich durch Drohungen von ewigem Höllenfeuer genauso beeinflussen ließ wie ihn die aufgehängten Bilder von zB Marie Antoinette in den Schlaf begleiteten, und andererseits ein Wildfang, der Feuerwerkskörper liebt, Eidechsen grausam zerstümmelt und sich mit seinen Freunden Straßenschlachten liefert, die alles andere als harmlos sind.
Entsprechend zwiegespalten bin ich auch in meinem Urteil: die Geschichte, auch die Erzählperspektive sind sehr vielversprechend, aber die Durchführung hat mich mehr als einmal dazu gebracht, das Buch nicht weiterlesen zu wollen. Die eigentlich geschilderten Szenen sind so dick in Gebrabbel eingehüllt, das es manchmal schwer ist, bis zu ihnen vorzudringen; wer sich darauf einlassen will, sollte zumindest ein gesteigertes Interesse an dieser Epoche mitbringen, sonst könnte die Lektüre recht mühsam werden.
Carlos Eire wurde 1950 in Havanna geboren. 1962 war er eines von 14.000 Kindern, die mit der Operation "Pedro Pan" ohne Eltern in die USA ausgeflogen wurden. Nach Jahren in Heimen und bei Gasteltern traf er seine Mutter 1965 in Chicago wieder. Sein Vater starb 1976 in Kuba, Carlos Eire hat ihn nie wiedergesehen. 1979 machte Eire seinen Doktor in Philosophie in Yale und lehrte anschließend siebzehn Jahre an der University of Minnesota und an der University of Virginia. Seit 1997 hat er den Lehrstuhl für Geschichte und Religionswissenschaften an der Yale University inne. Er lebt mit seiner Frau Jane und seinen drei Kindern in Guilford, Conneticut.
Javier Marias - Die sterblich Verliebten
Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der steht dieses Thema im Vordergrund und wird gewohnt ausschweifend behandelt. Wer diesen Stil mag, wird auch diesmal wieder genug Gelegenheiten haben, sich an Sprache und Wendungen zu erfreuen. An "Mein Herz so weiß" kommt er damit aber nicht heran. [..MEHR..]
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