Dave Eggers - Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialit

Originaltitel: A Heartbreaking Work of Staggering Genius
Roman. Droemer 2001
477 Seiten, ISBN: 3426195631

Herzzerreißend - ja, so könnte man die wahre Geschichte der Geschwister, die hier erzählt wird, auf jeden Fall bezeichnen.

Innerhalb von 5 Wochen sterben Vater und Mutter an Krebs - nachdem die Kinder schon zuvor ständig damit beschäftigt waren, die Pflege der Eltern zu bewältigen und nebenbei vielleicht noch ein wenig ins College zu gehen. Und natürlich für den Jüngsten zu sorgen, Toph, den Nachzügler.

Nach dem Tod der Eltern brechen die Geschwister alle Zelte hinter sich ab, verkaufen das Haus und den Großteil dessen, was darin war, und ziehen nach Kalifornien.

Und da steht Dave plötzlich - selbst noch nicht erwachsen, soll er nun seinen Bruder erziehen, ihm ein Vorbild sein, und dabei trotzdem der große Bruder bleiben, mit dem man einfach mal so herumtollen kann.

Aber vor allem im Alltag ist es schwierig, plötzlich für jemanden sorgen zu müssen; eine versiffte Bude mag für einen Schudenten akzeptabel sein, aber für ein Kind? Ständig ist Dave hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ein ganz normales Leben mit Verabredungen und Spaß und Leichtsinn zu führen und der bedingungslosen Liebe und Sorge um Toph, dem er nach der harten Zeit ein Leben voller Abwechslung und Vergnügen bieten will.

Dabei muss Dave auch feststellen, wie schwer es ist, Grenzen zu ziehen. Toph ist so sehr Teil seines Lebens, wird überall eingebunden, dass er mit seinen eigenen Altersgenossen nichts anfangen kann.

Ja, herzzerreißend. Aber von umwerfender Genialität? Das muss ich verneinen. Es gibt ein sehr erfrischendes Vorwort und Danksagungen, die sich über unzählige Seiten erstrecken; auch der erste Teil der eigentlichen Geschichte verspricht noch viel Lesevergnügen.

Aber danach ist sehr vieles nur noch Geschwafel, lose Anekdoten, die unbedingt erzählt werden mussten, aber keinen rechten Platz im Roman finden. So vielversprechend der Plot sich auch erst für mich anhörte: großteils habe ich mich bei der Lektüre leider gelangweilt.

Man kann der vorangestellten Seite des Autors, in der er selbst das Buch charakterisiert, nur wenig entgegensetzen.

Leseprobe:

VII:
RICHTLINIEN UND EMPFEHLUNGEN ZUR STEIGERUNG DES LESEVERGNÜGENS

1. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit, das Vorwort zu lesen. Wirklich nicht. Es ist in erster Linie für den Autor gedacht und für die, die nach der Lektüre des übrigen Textes aus welchen Gründen auch immer gerade nichts anderes zu lesen haben. Falls du das Vorwort bereits gelesen hast und wünschst, du hättest es nicht getan, möchten wir uns entschuldigen. Wir hätten dich eher drauf hinweisen sollen.

2. Es besteht ferner keine unbedingte Notwendigkeit, die Danksagung zu lesen. Zahlreiche frühere Leser dieses Buches haben vorgeschlagen, sie zu kürzen oder ganz zu streichen, doch diesem Ansinnen wurde nicht entsprochen. Dennoch ist es nicht wichtig für die Handlung, so dass wir, wie schon beim Vorwort, abermals um Entschuldigung bitten, falls du die Danksagung bereits gelesen hast und wünschst, du hättest es nicht getan. Wir hätten ein Wort dazu verlieren sollen.

3.) Auch das Inhaltsverzeichnis kannst du übergehen, falls deine Zeit knapp bemessen ist.

4. Übrigens werden viele von euch womöglich große Partien des Mittelteils überspringen wollen, nämlich die Seiten 22 bis 381, in denen es um die Lebensgeschichten von Menschen in ihren frühen Zwanzigern geht. Diesen Lebensabschnitt interessant darzustellen, ist enorm schwierig, selbst wenn er denen interessant erschien, die ihn durchlebten.

5. Tatsächlich werden sich manche von euch nur mit den ersten drei oder vier Kapiteln abgeben wollen. Damit gelangt ihr auf Seite 135 oder so, was einem angenehmen Lesepensum, dem hübschen Umfang einer Novelle entspricht. Diese ersten vier Kapitel haben ein gemeinsames Thema, was gut überschaubar und immerhin mehr ist, als sich vom Rest des Buches sagen lässt.

6. Danach ist das Buch irgendwie unausgewogen.


Dave Eggers

Dave (David) Eggers gründete 1993 zusammen mit Freunden sein erstes Magazin. Er arbeitete als Kartoonist, Grafikdesigner und zorniger Journalist - alles freiberuflich natürlich Heute gibt Eggers das Magazin "McSweeney´s", eine nette Sache, heraus, und unterstützt weitere schlecht beratene McSweeney´s Unternehmungen wie das Verlegen von Büchern, das Führen eines eigenen Ladens und die Gestaltung einer Website. Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität ist sein erstes Buch. Ob er nun in Brooklyn oder Kalifornien lebt, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Sicher ist, dass er mit seinem Bruder zusammenwohnt und sie keine Haustiere haben.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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