Gwen Edelman - Erzähl mir vom Krieg

Originaltitel: War Stoy
Roman. Piper Verlag 2002
178 Seiten, ISBN: 3492043763

In einer Buchhandlung lernt sie ihn kennen. Nein, Quatsch, meint er - und erfindet eine völlig andere Begegnung, eine aufregendere, absurde. Er - das ist Joseph Kruger. Ein bekannter Schriftsteller - der Erbe Kafkas, wie ihm in vielen Rezensionen bescheinigt wird. Ein Jude, aufgewachsen in Wien, der als Elfjähriger 1938 nach Amsterdam kam - und dort überlebte. Nicht das Aussehen wäre es, was so verräterisch jüdisch wäre, erzählt er Kitty - es wären die Augen. Diese Augen, die sich wegducken, sich entschuldigen, unsicher sind - und daher hatte er hart daran gearbeitet, mit seinem Blick die anderen einzuschüchtern. Ein gelungenes Experiment.

Eine rasende, verzweifelte Obsession fesselt Kitty an den mehr als doppelt so alten Mann; immer wieder kommt sie zu ihm in das verwahrloste Hotelzimmer, hat Sex mit ihm bis zur Erschöpfung - und hört sich seine Geschichten an. Geschichten vom Krieg, seinen Frauen, den Frauen, die ihn versteckt hatten, den Frauen, die er geliebt hatte, den Frauen, die er verlassen hatte. Er weiß, dass er Kitty damit verletzt - "du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein? Du warst damals noch nicht einmal auf der Welt" - aber es ist sein Leben, das er hier ausbreitet. Und das er in sie hineinstopfen möchte wie die Brote, die er ihr aufdrängt - "Na los, greif zu. Jetzt ist es umsonst. Wie glücklich wären wir damals darüber gewesen! Was heißt glücklich? Wir wären vor Freude außer uns gewesen".

Aus dem unaufhörlichen Strom von Geschichten und Broten und verzweifelten Liebesakten schält sich nach und nach die Geschichte eines Mannes, der daran zerbrochen ist, hart genug zum Überleben zu werden...

Die Geschichte, die Gwen Edelman hier erzählt, ist nicht neu - ein Überlebender des zweiten Weltkriegs, der in Gedanken immer noch permanent auf der Hut ist, und die Tochter von ebenfalls Überlebenden, die ihr nichts darüber erzählen wollen. Eine verzweifelte, aussichtslose Beziehung, gegenseitige Abhängigkeit. Der ewige Hunger.

Was neu ist, ist die wirklich grandiose Umsetzung. Die Versatzstücke aus den Erzählungen Josephs, ständig untermalt von Brote schmieren, Kekskrümeln, Fütterungen, die Auseinandersetzungen in der Gegenwart - das alles schiebt sich permanent ineinander, zieht den Leser in einen Strudel.

Trotzdem: um wirklich herauszuragen aus der Masse der Bücher über dieses Thema - dazu ist es dann doch zu sehr nur eine Variation des schon-gesagten, zu ähnlich, zu wenig eigen. Trotz des Sogs, der durch den Stil entwickelt wird, fesselt das Buch nicht, macht nicht betroffen, rührt nicht wirklich an.

Gwen Edelman

Gwen Edelman, aufgewachsen in New York, war in einem New Yorker Verlag tätig, bevor sie nach Paris ging. Dort schrieb sie "War Story", ihren ersten Roman; bereits vor Erscheinen in den USA wurden die Übersetzungsrechte in sechs Länder verkauft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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