Umberto Eco - Baudolino

Originaltitel: Baudolino
Roman. Hanser Literatur Verlag 2001
598 Seiten, ISBN: 3446200487

Im finstersten Mittelalter gelingt es einem jungen italienischen Schelm, durch seine lebhafte Phantasie und die Gabe, stets das zu formulieren, was andere gerne hören wollen, dem Leben als einfacher Bauerntöpel zu entfliehen und stattdessen an den Hof Kaiser Friedrichs zu kommen, der als Barbarossa bekannt ist.

Baudolino lernt Friedrich im Nebel kennen und hilft dem verirrten Kaiser, wieder zu seinen Truppen zu finden. Dieser findet Gefallen an dem hellen Köpfchen und lässt ihn unterrichten. Sein erster Lehrherr, Bischof Otto, ist gerade dabei, eine Chronik zu verfassen. Und hier lernt Baudolino auch bereits ganz Wesentliches seine Zukunft: es kommt nicht immer darauf an, die Wahrheit zu erzählen. Wenn man davon überzeugt ist, dass etwas passiert sein kann, dass etwas existieren kann, dann sollte man davon berichten, als wäre es wahr. Eine Praktik, die Baudolino sich nicht erst aneignen muss.

Als Otto stirbt und Baudolino sich Hals über Kopf in die junge Frau des Kaisers verliebt, ist er nicht unglücklich, nach Paris geschickt zu werden, um dort weiter zu studieren. Eifrig lernt er, aber er lässt auch das Studentenleben nicht zu kurz kommen; die Freunde, die er hier findet, werden ihn sein Leben lang begleiten und immer wieder treu zur Seite stehen. So groß das Angebot auch an amourösen Abenteuern in Paris auch sein mag: er ist immer noch verliebt in Beatrix. "Schreib mir" hatte sie ihm gesagt. Und er schreibt, erzählt ihr, was er gelesen, gelernt hat. Aber das genügt ihm nicht. Neben diesen Briefen verfasst er auch glühende Liebesbriefe, die er nie abschickt. Und weil auch das alleine nicht genügt, beginnt er, auch ihre Antworten an ihn zu formulieren.

Zehn Jahre Studium sind genug, bescheidet Friedrich dann aber. Er braucht ihn mittlerweile; denn immer noch gibt es in Italien ständig Krieg. Die Städte lehnen sich immer wieder gegen seine Herrschaft auf, verbünden sich untereinander, verraten sich wieder; ein ständiges Hin und Her, dem Friedrich sich da ausgesetzt fühlt. Aber das Schlimmste von allem: jetzt haben die Italiener auch noch eine Stadt gebaut. Ohne Genehmigung! Diese Herausforderung kann ein Kaiser sich nicht bieten lassen, und so zieht er zum wiederholten Mal nach Italien, um diese Hitzköpfe unter seine Herrschaft zu bringen.

Welche Überraschung aber, als Baudolino feststellt, dass diese neue Stadt an der Stelle des kleinen Dorfes entstanden ist, aus dem er vor fünfzehn Jahren aufgebrochen war. Und eines haben seine Landsleute mit ihm gemeinsam: sie sind starrköpfig. Als Friedrich die Stadt belagert, gestaltet sich das nicht so einfach, wie er das erwartet hatte; nur durch eine List gelingt es ihm, beide Seiten das Gesicht wahren zu lassen. Eine nette Geste hat Eco sich hier einfallen lassen, um seine Heimatstadt zu verewigen.

Nachdem nun der Frieden in Italien zumindest kurzfristig wieder gesichert ist, kann Baudolino sich wieder seinem Lieblingsprojekt widmen: für seinen Kaiser das Reich im Osten zu finden. Gemeinsam sollen sie dahin aufbrechen, zum Priesterkönig Johannes, um damit ein für alle Mal den Anspruch auf seine Krone zu rechtfertigen, und seinem ewigen Machtstreit mit der Kirche ein Ende zu setzen. Ein Anliegen hat Friedrich aber noch; zuvor will er noch Jerusalem befreien...

Anfangs war ich wirklich begeistert von diesem Buch. Eco brilliert mit kleinen Anspielungen, mit seinem altbekannten Sprachwitz, er treibt ein Schelmenstück mit uns, lässt uns stets im Ungewissen, was vom Erzählten denn nun wahr ist und was ... die nächste Lüge. Für eine ganze Menge Kleinigkeiten will Baudolino verantwortlich sein, und dass sein Freund, der Poet, nur dank seiner Gedichte überhaupt an den Hof kam, ist darunter noch die harmloseste Lüge.

Was ist Geschichtsschreibung, und wie leicht ist es, etwas zu glauben, nur weil man es aus angeblich sicheren Quellen weiß? Wie leicht ist es vor allem, diese sicheren Quellen zu simulieren? Dabei zu sein, wenn Baudolino hier mit seinen Freunden eine neue Welt erspinnt ist wirklich ein Vergnügen.

Aber dann... wurde mir der Roman einfach zu lang. Dieses Konzept trägt nicht für 600 Seiten, ein Drittel weniger hätte dem Roman sehr gut getan. Nicht nur der Chronist, dem er seine Lebensgeschichte erzählt, auch der Leser will irgendwann gar nicht mehr wissen, ob Friedrich jetzt zum fünften oder zehnten Mal in Italien ist, um hier Mailand oder eine andere Stadt zur Vernunft zu bringen. Aber das ist noch der geringe Teil; richtig absurd wird es, wenn Baudolino und seine Freunde aufbrechen, das Land des Priesterkönigs zu suchen. Da tummeln sich plötzlich Einfüßige, Menschen mit Ohren, die so groß sind, dass sie damit segeln können, Menschen ohne Kopf, Hundsköpfige... als hätte Umberto Eco hier tief in den Zutatentopf für einen Science-Fiction-Roman gegriffen und wahllos alles in diesen Roman gepresst. Natürlich ist es trotzdem keine Science-Fiction, diese Vorstellung vom Rest der Welt war zur damaligen Zeit in den Köpfen der Menschen vorherrschend - dennoch empfand ich es als irritierend, wahrscheinlich konnte ich mich nicht genug in den Wissenshorizont dieser Zeit hineinversetzen.

Nachdem man sich an das seltsame Personal aber gewöhnt hat, kommt (nach eine relativ langen Durststrecke) aber auch der Umberto Eco nochmals zum Vorschein, den man als Leser schätzt: philosophisch-witzig sind Baudolinos Gespräche mit Hypatia, so kennen wir den Autor.

An einen Roman wie das "Foucaultsche Pendel" reicht Baudolino bei weitem nicht heran; aber es bereitet zu einem guten Teil solides Lesevergnügen. Kein Buch, das man gelesen haben muss; und man kann getrost auf die Taschenbuchausgabe warten

Umberto Eco

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Die Insel des vorigen Tages
  • Der Name der Rose
  • Das Foucaultsche Pendel
  • Platon im Striptease-Lokal
  • Baudolino
  • Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana
  • Die Geschichte der Schönheit. Herausgegeben von Umberto Eco
  • Die Kunst des Bücherliebens
  • Der Friedhof in Prag

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