Jessica Durlacher - Die Tochter

Originaltitel: De Dochter
Roman. Diogenes 2001
327 Seiten, ISBN: 3257233515

Ausgerechnet im Anne Frank-Haus begegnen sie sich zum ersten Mal. Max, der diesen Ort nie besuchen wollte, und Sabine, die hier arbeitet. Sie hätte jedes Mal wieder das Gefühl, sie wären gerade erst deportiert worden, erzählt sie ihm. Und dass sie das Gefühl hätte, es ihrem Vater schuldig zu sein, diesen Schmerz immer wieder zu ertragen.

Auch Max ist ein Kind der zweiten Generation, der Sohn eines KZ-Überlebenden. Bisher kannte er nur die spärlichen Erzählungen seines Vaters, wusste, dass er nur dank der Findigkeit seiner Zwillingsschwester überlebt hatte. Nun kommt diese Zwillingsschwester das erste Mal zu Besuch - und sie hört nicht auf, zu erzählen, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Es ist ihr letzter Besuch in der alten Heimat, kurz darauf stirbt sie, und endlich erfährt Max die ganze Geschichte, hört, dass sein Vater ohne die Schwester womöglich nie deportiert worden wäre.

Die Reise mit seinem Vater zum Begräbnis der Tante in Jerusalem macht Max auch endlich deutlich, dass das lose Verhältnis zu Sabine mittlerweile etwas sehr Wichtiges in seinem Leben geworden war.

Zwei Menschen, die sich ergänzen, so sehen sie sich selbst - und vor allem: Zwei Menschen, die beide unter dem Schatten der Gräuel aufgewachsen waren, dem ihre Väter ausgesetzt waren. Sabine ist davon wie besessen, sie kann nicht aufhören zu fragen. Ihr Interesse trifft auch stets den rechten Ton, in ihrem Beisein erzählt auch Max´ Vater Geschichten, die er bislang für sich behalten hatte.

Sabines Vater bekommt Max nur einmal ganz kurz zufällig zu Gesicht. Seine Geschichte erzählt Sabine: die Geschichte eines Jungen, der von seinem Freund aus Eifersucht verraten worden war.

Beide hatten sie in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, wie nichtig und klein ihre Wünsche und Kümmernisse sich ausnahmen gegen all das, was die Väter durchgemacht hatten.

Und eines Morgens ist Sabine fort. Einfach weg, sie hinterlässt nur einen kurzen Gruß, keine Erklärung.

Dann, fünfzehn Jahre später, sind sie beide auf der Frankfurter Buchmesse. Max, der seine Träume vom Leben als Schriftsteller an den Nagel gehängt hatte und statt dessen Verleger geworden war, und Sabine, die ihre erträumte Laufbahn als Fotografin nun in einem Fotoband realisiert hatte. Es gelingt Max, sie zu finden, sie zu sprechen, und immer noch, das spürt er, sind da mehr Emotionen als nur der Wunsch nach einer späten Erklärung. Denn was damals war, das kann und will Sabine auch heute nicht verraten. Genauso wenig, wie sie ihr Verhältnis zu Sam zu erklären bereit ist; sie würde alles für ihn tun, alles - das ist alles, was Max als Antwort erhält.

Auch Sam ist in seiner Jugend durch die Hölle deutscher KZ´s gegangen; seine Memoiren wollte er ursprünglich aber nur über seine Laufbahn als erfolgreicher Filmproduzent verfassen. Aber Sabines Fragen, ihr Interesse an dieser Zeit haben ihm ermöglicht, auch darüber zu schreiben - und das ist seine Überraschung für sie. Max soll sein Buch in den Niederlanden verlegen.

Diesmal scheint also nichts im Wege zu stehen, scheinen Max und Sabine den Weg gemeinsam gehen zu können. Wieder spüren sie die tiefe Verbundenheit und Vertrautheit - bis Sabine ein zweites Mal spurlos aus Max´ Leben verschwindet...

Wie schon in ihrem ersten Roman "Das Gewissen" thematisiert Jessica Durlacher hier die Emotionen von Kindern jüdischer KZ-Überlebender.

Geschichte ohne Namen, ohne Gesichter dazu brennt sich nie in dem Ausmaß ins Gedächtnis ein wie ein erzähltes Erlebnis; und so lässt auch Jessica Durlacher immer wieder die Generation derer zu Wort kommen, die nur durch ein Wunder überlebt haben.

Aber was sie vor allem zeigt ist die Last, die auch auf den Schultern der Kinder Überlebender lastet. Wie kann man jemandem böse sein, der so viel erlitten hat? Wie kann man so viel Emotion und Energie an etwas verschwenden, wenn die Eltern so viel Schlimmes durchgemacht haben? Und vor allem: wären sie selbst einer ähnlichen Situation gewachsen? Könnten Sie sich ebenso großherzig verhalten?

Das kann Jessica Durlacher dank ihres großartigen Erzähltalents dem Leser vermitteln, ohne dazu auf erhobene Zeigefinger zurückgreifen zu müssen.

Aber neben all dem hat sie auch noch einen wunderbaren, traurig-schönen Liebesroman geschrieben, den ich aus ganzem Herzen weiterempfehle!

Jessica Durlacher

Jessica Durlacher wurde 1961 in Amsterdam geboren, hat als Literaturkritikerin für diverse Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann (Leon de Winter) und ihren zwei Kindern in Bloemendaal und Malibu.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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