Originaltitel: Geek Love
Roman. (englischsprachiger Verlag) 1989
384 Seiten, ISBN: 0375713344
Sie achtet sorgfältig darauf, von der Hauswirtin nicht zu häufig gesehen zu werden - und kümmert sich dabei doch unablässig um sie. Und das junge Mädchen, dass ein paar Türen weiter wohnt, behält sie auch im Auge, ohne sich von ihr zu sehr vereinnahmen zu lassen - Oly, kurz für Olympia Binewski, ein achtundreißigjähriger Albinozwerg mit Buckel. Es sind ihre Mutter und ihre Tochter, die sie da so sorgfältig beobachtet - und sie wissen weder voneinander noch von Olys Verbindung zu ihnen.
Mitleid und Bedauern lag in den Blicken der Menschen, die sie betrachteten - früher, als die Binewskis noch mit dem Wohnwagen auf der Straße unterwegs waren, hatten die Leute dafür bezahlt, sie ansehen zu können.
Dabei war Oly nie ein Publikumsliebling gewesen. Zu alltäglich war ihre Absonderlichkeit; nicht zu vergleichen mit ihren Schwestern Elly und Iphy, die zusammen nur ein Paar Beine hatten und das Publikum mit ihren Klavierauftritten begeisterten. Auch der Jüngste, Chick, so normal er auch aussah, hatte eine besondere Gabe, die ihn einzigartig machte. Aber keiner von ihnen war so speziell, so außergewöhnlich wie Arturo, der Aqua-Boy. Er hatte Flossen statt Armen und Beinen, sein Auftritt im Wassertank war eine Attraktion.
Dazwischen gab es noch ein paar mehr Kinder, doch entweder waren sie zu normal geraten oder starben in den ersten Lebensjahren - denn das war das eigentliche Ziel der Binewski-Eltern: Sie wollten ihren Kindern ermöglichen, allein durch das, was sie waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und experimentierten mit Drogen, Gift und Radioaktivität um das gewünschte Ziel zu erreichen.
Der Wettstreit zwischen Arty und den Zwillingen begann schon sehr früh; nichts konnte ihn mehr aufregen als die Tatsache, dass für eine ihrer Shows mehr Karten verkauft worden waren als für seine. Ständig war er dabei, seine Auftritte zu verbessern, und bald schon hatte er die Masse auf ganz eigentümliche Weise in seiner Gewalt. Seine Besucher fingen an, ihn wie einen Gott zu verehren, ihm nachzureisen - und sich, um ihm immer ähnlicher zu werden, ebenfalls erst Finger und Zehen, dann die ganzen Gliedmaßen amputieren zu lassen.
Eine neue Religion war gegründet - der Arturismus. Doch ebenso subtil, wie diese Wandlung vor sich gegangen war, hatte Arty auch das Regiment in der Familie übernommen - mit allen Konsequenzen...
Nach 350 Seiten dieses Buches - eigentlich wollte ich es schon nach 50 weglegen, aber mir wurde so oft versichert, dass es "noch besser" wird - weiß ich immer noch nicht, was eigentlich die Intention der Autorin war, was sie mit diesem Buch eigentlich sagen wollte.
Eine ganze Familie voller Freaks, deren soziale Hierarchie dadurch bestimmt ist, wie weit sie von der Norm abweichen, ihre Vorurteile gegen die "normalen" Menschen - ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der jeder misstrauisch beäugt wird, der von der Norm abweicht? Der Wettkampf ein Bild dafür, wie unser aller Streben nach Individualität enden kann? Wie leichtgläubig wir uns verstümmeln lassen, um leeren Heilsversprechen anhängen zu können?
Einzig in der Mitte des Buches, als Arty und seine Schwestern im Mittelpunkt stehen, mit all der uneingestandenen Liebe (Liebe? oder was auch immer) und Eifersucht, war für mich zumindest interessant zu lesen. Die Art und Weise, wie Arty das Ruder im Familienzirkus übernimmt, wie keiner sich wirklich dagegen wehrt, weil er es psychologisch geschickt so anstellt, dass die Geschwister untereinander sich nicht gegenseitig unterstützen, weil sie nur um seine Anerkennung buhlen, war zwar nicht immer logisch nachvollziehbar, aber packend geschildert.
Insgesamt aber kann ich mich der allgemeinen Begeisterung - das Buch ist im englischen Sprachraum wohl sowas wie ein Kultbuch - absolut nicht anschließen. Ich habe es zu Ende gelesen, ja - aber ich hatte keine Freude daran. Ausnahmsweise bedaure ich nicht, dass verzichtet wurde, ein Buch ins Deutsche zu übersetzen.
Nachtrag: Manche Bücher gewinnen, wenn man sich mit mehreren Lesern darüber unterhält. "Geek Love" wird zwar nie ein Lieblingsbuch von mir werden, aber meine Ablehnung ist nach unserer lebhaften Diskussionsrunde nicht mehr so ausgeprägt.
Javier Marias - Die sterblich Verliebten
Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der steht dieses Thema im Vordergrund und wird gewohnt ausschweifend behandelt. Wer diesen Stil mag, wird auch diesmal wieder genug Gelegenheiten haben, sich an Sprache und Wendungen zu erfreuen. An "Mein Herz so weiß" kommt er damit aber nicht heran. [..MEHR..]
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