John von Düffel - Zeit des Verschwindens

Originaltitel: Zeit des Verschwindens
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2001
198 Seiten, ISBN: 3423129395

Philipp ist unterwegs. Es ist der Geburtstag seines Sohnes. Und er ist noch 600 km von ihm entfernt; erst früh morgens hatte er spontan beschlossen, doch noch hinzufahren, doch noch zu versuchen, eventuell ankommen zu können; auch wenn es ihm in den letzten anderthalb Jahren nie gelungen war. So lange schon hatte er ihn nicht mehr gesehen; und nun, auf der langen Fahrt auf der Autobahn, erinnert er sich zurück. Denkt darüber nach, wie fremd ihm sein eigenes Zuhause geworden war. Er war im Leben seiner Frau und seines Sohnes nur ein seltener Besucher, der die Regeln jedesmal wieder erst neu lernen musste, der nichts von der Selbstverständlichkeit hatte, mit der sie selbst miteinander umgingen.

Beim letzten Versuch war er wieder umgekehrt. Er hatte aufgegeben, wenige Kilometer vor dem Ziel; kein Geschenk zu haben, nicht zu wissen, was sein Sohn sich wünscht, das erschien ihm unerträglich.

Christina beobachtet leidenschaftslos das Zuendegehen ihrer Beziehung. Sie ist dabei, sieht zu, wie ihr Mann von einer anderen umgarnt wird; und auch sie denkt zurück, klammert sich immer noch an die tote Schwester, der sie alles zu erzählen pflegte. Alles. Und auch wieder nicht. Denn als sie Hendrik kennenlernte, da war es das erste Mal, dass sie etwas für sich behalten wollte; dass sie nicht, wie sonst, den Freund an Lena verlieren wollte. Vor ihr wollte sie ihn geheim halten; und nun, da sie tot war, bereute sie es...

Stück für Stück entblättern beide mehr von ihren Leben; und immer stärker kommt heraus, woran sie eigentlich leiden: an der Unfähigkeit, eine wirkliche Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen. Was diese beiden völlig getrennten Erzählstränge miteinander zu tun haben? Das erfährt man auf den letzten Seiten...

Die Rahmenhandlung dieses Romans, das möchte ich gleich vorwegschicken, hat mich nicht überzeugt. Sehr konstruiert und auf dem Reißbrett entworfen, fehlt ihm dieser spezielle Funken, der aus Sätzen etwas Lebendiges, Eigenständiges macht, etwas, das über die bloße Erzählung hinausgeht.

Nach "Vom Wasser", dem hochgelobten Debut John von Düffels, das mich persönlich ja nicht begeistert hatte, war ich von diesem Roman aber dennoch sehr positiv überrascht. Warum? Weil immer wieder, ganz unvermutet, Passagen zu finden sind, die von großer Einfühlungsgabe zeugen, minutiöser Beobachtung und der Fähigkeit, Empfindungen unsentimental und dennoch tief berührend wiederzugeben. Es sind dies Gedanken über Schlaf, über Gerüche oder den ersten Kuss - Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten, die unvermutet zur Hauptsache werden und den Leser stutzen lassen.

Es gab für mich persönlich sehr viele Stellen, die mein Interesse geweckt habe, die mich zum Innehalten aufgefordert haben; und alleine dafür lohnt es sich schon, vieles von dem in Kauf zu nehmen, was man dazwischen lesen muss, um die Perlen nicht zu verfehlen. John von Düffel, das ist für mich nach diesem Roman klar, ist ein Autor, den ich sicherlich weiterhin beobachten werde; ich hoffe sehr, dass er es in Zukunft schafft, den Anteil seiner wirklich guten Passagen zu erhöhen und ein Sujet findet, das einen Roman trägt.

John von Düffel

John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, lebte zeitweise in Irland und den USA, er promovierte 23jährig über Erkenntnistheorie und war danach als Theater- und Filmkritik, als Schauspieldramaturg und Übersetzer tätig. Er ist einer der meistgespielten jungen deutschen Theaterautoren der letzten Jahre. Für "Vom Wasser", seinem ersten Roman, wurde er u.a. mit dem "Aspekte"-Literaturpries und dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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