John von Düffel - Ego

Originaltitel: Ego
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2003
254 Seiten, ISBN: 342313111X

Eigentlich sollte er längst bei der Arbeit sein. Doch die Messung heute morgen vor dem Badezimmerspiegel hatte ergeben, dass sein Nabel nur noch eine Vertiefung von 6,5 Millimetern aufwies - ein neuer Tiefststand, noch ein paar Wochen trainieren, und keine Verflachung wäre mehr sichtbar. Noch ein paar Aufwärmübungen, Klimmzüge, ein paar Crunches, um das Relief seines gemeißelten Brustkorbs herauszuarbeiten; die Sekretärin, die ihn schon anrief, weil er einen Termin verabsäumt hatte, sollte gleich auch noch den Rest des Vormittags freihalten, er war gerade mit dringenderen Problemen beschäftigt.

Sollte er sich seine Brustbehaarung abrasieren? Es war ja kein Fell, das er da auf der Brust trug, nur weiche goldene Löckchen - aber lenkten sie nicht zu sehr ab von der perfekten Form seiner Muskeln?

Wie immer war niemand da, um ihm in dieser wichtigen Frage zur Seite zu stehen, und seine Freundin Isabell, so sehr sie ihm gerade in Punkto Ernährung beraten konnte, war zu wenig objektiv, um die Frage zu seiner Zufriedenheit beantworten zu können. Überhaupt, Isabell. Mit Sicherheit eine der schönsten Frauen, die er kannte, aber sie war zu abhängig von ihm, hatte zu oft Zeit, wenn er anrief. Außerdem liefen in der letzten Zeit die Gespräche immer wieder darauf hinaus, dass sie ein Kind wollte. Ein Kind! Wollte sie sich wirklich freiwillig die perfekte Figur verderben?

Außerdem hatte er dafür jetzt keine Zeit. Veränderungen standen an in seiner Firma, und er hatte durchaus Chancen, zum Juniorpartner zu werden. Objektiv betrachtet war zwar Claaßen der qualifiziertere Kandidat. Aber schon alleine mit ansehen zu müssen, was Claaßen an einem Morgen in der Kantine zu sich nahm! Kuchenstücke, dick, fettig, danach noch ein schweres Mittagessen - schon beim Gedanken daran drehte sich ihm der Magen um.

Und ausgerechnet jetzt muss Weilheimer wieder auftauchen - Weilheimer, der der eigentliche Anlass war, warum er seinen Körper nun nach Maß geformt hatte. Weilheimer, der letztes Jahr im Urlaub fast im Meer ertrunken wäre - wenn er ihn nicht gerettet hätte. Als wäre das nicht peinlich genug, will dieser Weilheimer ihn jetzt auch noch einladen...

Während der ersten Kapitel dieses Buches war ich fasziniert davon, wie weit John von Düffel seine böse Satire noch treiben würde. Auch dem größten Fitnessfan muss eigentlich nach diesem inneren Monolog der Eitelkeit pur übel werden; die ständige narzisstische Betrachtung, die Gedanken, die immer nur um Muskeln oder Essen kreisen - und dann die herrlichen Auswucherungen, wenn nicht mehr die Disziplin im Vordergrund ist, sondern das tierische Verlangen nach Kohlehydraten, Fett, Geschmack, einer Frau mit weichen Rundungen... Unterzuckerung, anders ist das nicht zu erklären.

So eintönig das in der Zusammenfassung auch klingen mag, sind diese langen Monologe trotzdem ausgesprochen erheiternd zu lesen, weil der Autor hier seinen Ich-Erzähler sich selbst ironisch auf die Schaufel nehmen lässt - ohne dass es dem Ich-Erzähler bewusst wäre, wie uns der Autor vermitteln will.

Das alleine macht noch keinen Roman. Also muss auch noch ein Handlungsstrang her - und das ist auch die große Schwachstelle dieses Buches für mich. Nicht nur, dass sich die Originalität der narzisstischen Monologe nach spätestens 50 Seiten doch recht abgenutzt hat, wird uns auch noch eine seltsame Rettungs-Geschichte als Ursache für den Fitness-Wahn dargeboten, und was auf der beruflichen Schiene mit dem Protagonisten geschieht, mag man bald nicht mal mehr als Satire lesen.

So gut mir die prinzipielle Idee dieses Buches gefällt, kann ich es letztendlich doch nicht unbedingt weiterempfehlen.

John von Düffel

John von Düffel, geboren 1966 in Göttingen, lebte zeitweise in Irland und den USA, er promovierte 23jährig über Erkenntnistheorie und war danach als Theater- und Filmkritik, als Schauspieldramaturg und Übersetzer tätig. Er ist einer der meistgespielten jungen deutschen Theaterautoren der letzten Jahre. Für "Vom Wasser", seinem ersten Roman, wurde er u.a. mit dem "Aspekte"-Literaturpries und dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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