Tanja Dückers - Himmelskörper

Originaltitel: Himmelskörper
Roman. Aufbau Verlag 2003
318 Seiten, ISBN: 3351029632

Wenn man selbst schwanger ist, ein Kind erwartet, dann will man wissen, in welches Nest man dieses Kind setzt - so zumindest geht es Freia zu ihrem großen Erstaunen. Schon die Tatsache, dass sie sich überhaupt auf dieses Abenteuer einlassen konnte zeigte ihr, dass die Narben der Vergangenheit langsam anfingen zu heilen.

Narben, die vor allem mit ihrem Zwillingsbruder zu tun hatten. In ihrer Kindheit, ihrer Jugend waren sie beide unzertrennlich. Sie dachten gleich, fühlten gleich, waren immer zusammen; bis Freia sich verliebte. Und ihr Bruder auch.

Der Streit, der darauf folgte, bedeutete das Ende ihrer verträumten Kindheit; vorbei das Schlittschuhlaufen im Mondschein, die Elfen im Wald, die sich schlussendlich als ziemlich reale Frauen entpuppten, mit denen Freias Vater ihre Mutter betrog.

So viele Lücken sie auch im Leben ihrer Eltern entdeckte: was sie noch viel mehr beschäftigte, war das Schicksal ihrer Großeltern. Außer, dass sie 45 nur durch einen glücklichen Zufall nicht auf der Wilhelm Gustlof sondern auf einem kleineren, sichereren Schiff geflohen waren. Geredet worden war darüber nie viel; und auch wenn, hatte es Freia früher wenig interessiert.

In diesen Schwangerschaftsmonaten aber fängt sie an, Fragen zu stellen und zuzuhören - bis sie nicht mehr umhin kann, die braune Vergangenheit ihrer Großeltern zu erkennen...

Der Grundgedanke des Buches ist gut, es wird ein Thema aufgegriffen, das gerade in den letzten Jahren verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wurde; dazu noch der persönliche Zwiespalt Freias mit ihrem Zwillingsbruder, der ihr so ähnlich ist, dass er sich auch in den selben Mann verliebt - gute Themen, aus denen man viel machen kann.

Mehr jedenfalls, als es der Autorin meiner Meinung nach in diesem Buch hier gelungen ist. Während der Bruderkonflikt noch von sehr viel genauer Beobachtung, guten emotionalen Schilderungen zeigt, sind die Kriegserinnerungen furchtbar hölzern. Da werden Wetterberichte ausgetauscht, man fällt sich wohlgesetzt ins Wort; kurz: die geschilderten Gespräche könnten sogar der Wahrheit entsprechen, aber sie funktionieren trotzdem nicht, weil sie nicht gut genug gemacht wurden. So wie hier spricht kein Mensch - und wenn man beim Lesen permanent auf das Gerippe stößt, das eine Geschichte zusammenhalten soll, und das Fleisch der Erzählung fehlt, bleibt man als Leser immer auf kritischer Distanz, liest zwar, ist aber innerlich nicht wirklich beteiligt.

So erging es mir zumindest mit den Himmelskörpern; nett, aber nicht wirklich überzeugend. Schade!

Tanja Dückers

Tanja Dückers wurde 1968 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Nordamerikanistik an der FU Berlin. Längere Aufenthalte in den USA, Amsterdam und Barcelona. Zahlreiche journalistische Arbeiten. Mehrere Preise und Stipendien, ua das Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles. Sie lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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