Fjodor M. Dostojewski - Schuld und Sühne (Verbrechen und Strafe)

Originaltitel: Prestuplenie i nakazanie
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1960
744 Seiten, ISBN: 3423124059

Rodion Raskolnikow ist ein verarmter Student; seit Tagen hat er nicht mehr ordentlich gegessen, wie im Fieberwahn läuft er durch die Stadt, und nutzt doch keine der Optionen, die ihm vielleicht helfen können. Dann kommt noch ein Brief von der Mutter - man hatte es ihm bislang verheimlicht, aber die Schwester hatte durch einen Skandal ihre Stellung verloren, an dem sie unschuldig war - und nun wollte sie einen jungen Mann, der sich bereits ein Vermögen erarbeitet hatte, heiraten - sich für ihn aufopfern, die Raskolnikow sogleich vermutet, ihm die Möglichkeit geben, sein Studium zu beenden. Ob es nun diese Nachricht war, oder das Gespräch, das er vor wenigen Wochen belauscht hatte, oder die Information, die er beim Vorübergehen an diesem Tag aufschnappte - immer mehr setzte sich in seinem Kopf die Idee fest, dass er es nun tun müsse, dass er ja fast die Pflicht dazu hätte - denn was war schon das Leben dieser Laus, dieser Pfandleiherin wert! Es gäbe zwei unterschiedliche Kategorien von Menschen, ist seine Überzeugung: das Material, und die Auserwählten. Diesen wenigen Auserwählten bräuchten sich nicht an Gesetze zu halten; nur so wäre es möglich, dass sie den Lauf der Welt veränderten.

Alles passt. Keiner sieht ihn, als er das Beil schnappt, keiner beobachtet ihn, als er das Haus der Wucherin betritt. Und sie erschlägt. Ihre Barschaften an sich zu nehmen, daran denkt er gar nicht wirklich; wahllos greift er zu - und hört dann die Schwester kommen, weil er vergessen hatte, die Tür hinter sich zu schließen. Wieder schlägt er zu; und wieder vergisst er, die Tür abzusperren. Nur ein Zufall rettet ihn und verschafft ihm die Möglichkeit zum unerkannten Rückzug.

Aber nicht kühl und überlegt geht er nun vor, wie er es selbst von einem Auserwählten erwartet; nichts hatte er so rational gedacht, wie er es geplant hatte. Was er denn nun geraubt hatte - er hatte es noch nicht einmal betrachtet, suchte nur nach einem Ort, es zu verstecken, verbergen. Ständig schreckt er aus Phantasien hervor, fühlt sich verfolgt; und in dieser Situation kommen seine Mutter und Schwester in Petersburg an. Entsetzt sind sie über den Zustand ihres Rodion; keine Freude ist an ihm zu erkennen, ja, er zieht sich auf seltsamste Weise vor Mutter und Schwester zurück. Ein Freund von ihm, Rasumichin, ist es, der ihnen in diesen ersten Tagen beisteht; der ihnen immer wieder versichert, Raskolnikow sei nur krank, sei aber in besten Händen. Und ihnen auch den Verdacht verschweigt, unter dem Raskolnikow irgendwie zu stehen scheint: diese beiden Frauen ermordet zu haben.

Beweise gibt es nicht; aber Raskolnikow, erfüllt von Unrast, muss sein Herz erleichtern. Und sucht sich dafür ausgerechnet Sonja aus; die Tochter eines verarmten Trinkers, der in seinen Händen stirbt; sie, die erst 18jährige, hat nun ganz alleine für die Schwiegermutter und die kleinen Kinder zu sorgen; aber sie hatte schon zuvor begonnen, sich zu prostituieren. Ausgerechnet bei ihr lädt er nun seine Geschichte ab; ihr stellt er die schwierige Frage, wessen Leben denn nun mehr wert sei?

Er solle sich stellen, drängt sie. Das rät ihm auch der Polizeiinspektor Porfiri, der mit ihm in dieser Zeit sehr viele Gespräche führt; er solle sich stellen, denn er hätte zwar einen Beweis, könne ihn auch nutzen; aber er sei überzeugt davon, dass es für Raskolnikow besser wäre, diesen Schritt selbst zu gehen. Zu gut kennt auch er dessen Schriften, weiß von seiner Idee des außergewöhnlichen Menschen, dem alles erlaubt sei.

Und es geschieht. Nach langen Tagen, die Raskolnikow wie im Taumel durchlebt, stellt er sich, wird verurteilt - und Sonja folgt ihm nach Sibirien. Aber Reue für seine Tat - die kann er immer noch nicht empfinden...

Dass diese Zusammenfassung nur einen winzigen Teil der wuchtigen Handlung wiedergibt, ist leider klar - fast alle Nebenhandlungen, und es gibt derer unzählige, wurden weggelassen.

Diese vielen zusätzlichen Geschichten und Ebenen haben es mir auch manchmal etwas schwer gemacht, in diesem Buch weiterzulesen; es ist so viel, es erschlägt den Leser geradezu. Dabei sind aber trotzdem gerade auch diese Nebenfiguren hochinteressant; zu meinen absoluten Favoriten zählt hier Luschin, der Verlobte Dunjas; einen Menschen seiner Gesinnung kann man unschwer in so vielen bekannten Gesichtern wiederfinden.

"Schuld und Sühne" sei ein Kriminalroman mit der Suche nach dem Mordmotiv, steht irgendwo über dieses Buch zu lesen; ja, welches Motiv verfolgt Raskolnikow mit der Ermordung der beiden Frauen? Bereicherung? Er nimmt zwar einen Beutel voll Geld mit, nimmt auch Schmuck - aber er sieht es noch nicht einmal an, vergräbt es unter einem Stein. Persönliche Rache? Nein - er will nur einen Schritt vorankommen, was kümmert es da einen Auserwählten, wenn es auf diesem Weg Opfer geben sollte! Zählt hier nicht die Idee mehr als das Opfer? Gilt es nicht, in wertes und unwertes Leben zu unterscheiden?

Dass er selbst kein Ausgezeichneter ist, dass ist der Weg, den Rodion Raskolnikow in diesem Buch zurücklegt. Dass er ein Mensch ist, dass er der Belastung, dem Druck nicht stand hält, dass er fähig ist, zu leiden, zu lieben - all das muss er erst wieder erlernen.

Was macht diesen opulenten Roman aus dem 19. Jahrhundert denn nun heute noch lesenswert?

Gut, es ist in gewisser Weise ein ziemlich typischer russischer Roman; unzählige Namen und Abkürzungen und Kosenamen, kaum nachzuvollziehende Nebenhandlungen, eine manchmal erschreckende Ausführlichkeit; und doch: da gibt es vor allem diese Gespräche zwischen Profiri und Raskolnikow. Jäger und Gejagter; die Dialoge lassen den Leser kaum zu Atem kommen, so intensiv sind sie, so deutlich wird hier ein Ball hin und her geworfen.

Es gäbe noch genügend über dieses Buch zu berichten; nicht umsonst gibt es ganze eigene Bücher darüber zu lesen.

Wer es noch nicht kennt: am besten selber lesen. Und Leute suchen, mit denen man darüber diskutieren kann…

Fjodor M. Dostojewski

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821 - 1881) war Sohn eines Armenarztes aus Moskau. Nach kurzer Tätigkeit als technischer Zeichner im Kriegsministerium wurde er freier Schriftsteller. Vier Jahre Zwangsarbeit als politischer Häftling und beständige Geldnot wegen seiner Spielerleidenschaft zeichnen den unermüdlich Schaffenden. St. Petersburg wird die zweite Heimat dieses bedeutendsten Russischen Realisten und Hauptschauplatz seiner berühmtesten Romane, die bis heute weltweit bewundert und gelesen werden.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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