Thea Dorn - Die Hirnkönigin

Originaltitel: Die Hirnkönigin
Roman. Rotbuch Verlag 2000
281 Seiten, ISBN: 3442448530

Kyras Wechsel vom schöngeistigen Feuilleton zur "Blut und Tränen"-Seite des Berliner Morgen war etwas, was ihr österreichischer Kollege Franz überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Und dass sie an ihrer in Bierlaune geborenen Idee, eine Serie über Berliner Mörderinnen zu schreiben, festhielt, war ihm noch weniger geheuer.

Und dann wird ausgerechnet der Chefredakteur der Zeitung umgebracht. Geköpft. Die Täterin, seine Frau, meldet ihr Verbrechen selbst der Polizei - und diese findet eine klinisch sauber geputzte Wohnung und einen kopflosen Torso vor. Ihr Unwissen über die Details der Todesursache legt dann aber die Vermutung nahe, dass sie nur jemanden decken will. Ihre Tochter vielleicht?

Aber kurz darauf wird ein weiterer Mann tot aufgefunden. Einer, der mit den Konrads nichts zu tun hat. Und wieder fehlt das Gehirn.

Kyras Ehrgeiz ist geweckt. Sie will noch vor der Polizei herausfinden, wer für die Morde verantwortlich ist. Und dabei verstrickt sie sich immer tiefer; dass die Lösung direkt vor ihren Augen ist, merkt sie erst, als auch Franz in Gefahr ist...

An ekligen, detailverliebten Gewaltschilderungen kommt man bei diesem Krimi nicht herum; Thea Dorn zeigt, dass es auch weibliche Serienmörder geben kann, die aus Lustgewinn töten, und sie begründet das psychologisch durchaus einleuchtend.

Weniger einleuchtend ist hingegen schon das Handeln der Journalistin; biertrinkend, raufend und fluchend wird sie zwar mit einer ruppigen Schale ausgestattet, ihr eigentliches Wesen bleibt aber seltsam blass und farblos. Ihre Absenzen, die sie immer gerade dann ereilen, wenn sie dringend ein Alibi nötig hätte, waren für mich nicht glaubhaft. Um die Spannung zu erhalten, wurden auch ein paar Verdachtsmomente zu viel in den Roman gepackt und dann nicht richtig aufgelöst.

Aber trotzdem. Aber trotzdem habe ich mich über weite Strecken ziemlich gut unterhalten; ein paar schöne Berlin-Spezifika erheitern natürlich, wenn man kennt, worüber geschrieben wird. Richtig gut wird Thea Dorn aber dann, wenn es um die zynischen Schilderungen des Alltags in einer Redaktion geht.

"Das politische Blond" wird eine der Praktikantinnen nur genannt, die zuletzt ein Verhältnis mit dem Chefredakteur hatte - und unglücklicherweise dabei gefilmt wird. Die Szene, wenn der neue Chefredakteur diesen Umstand auszunutzen versucht, ist für mich eine der besten des ganzen Buches.

Keine magenschonende Kost, aber eindeutig von einer Autorin verfasst, die ich im Auge behalten werde!

Thea Dorn

Thea Dorn, ein Pseudonym angelehnt an THEodor ADORNo, geboren 1970 bei Frankfurt am Main, Gesangsausbildung und Philosophiestudium in Frankfurt, Wien und Berlin. Journalistische und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Ihr Krimi-Debüt "Berliner Aufklärung" wurde 1995 mit dem Raymond-Chandler-Preis ausgezeichnet. 1996 erschien der zweite Krimi "Ringkampf", der im Frankfurter Opernmilieu spielt. Das Theaterstück "Marleni" entsteht 1999. Thea Dorn lebt in Berlin und unterrichtet Philosophie an der Freien Universität.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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