Originaltitel: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 - 1944
Sachbuch. DVA 2002
351 Seiten, ISBN: 342105634X



So wichtig die Bücher sind, die von Autoren wie Imre Kertész, Ruth Klüger, um nur wenige Namen zu nennen, verfasst wurden - sie sind doch aus der Rückschau, aus der Sicht dessen geschrieben, der das Grauen überlebt hat. So eindringlich sie uns auch die Geschichte vor Augen halten - Alltagszeugnisse, unmittelbar zur betreffenden Zeit entstanden, haben eine nochmals erschütterndere Wirkung.
Nach dem Tod des Politikers Gerhard Jahn wurden in seinem Nachlass über dreihundert Briefe gefunden - Briefe an und von seiner Mutter Lilli, die 1944 im Konzentrationslager Auschwitz starb. Die Familie hat nach reiflicher Überlegung beschlossen, dieses Zeitdokument der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Lilli, geboren 1900, wächst in gutbürgerlich-jüdischen Verhältnissen in Köln auf. Sie gehört zu den ersten Frauen, die studieren können, interessiert sich für Kunst, Literatur, Philosophie, nimmt rege am gesellschaftlichen Leben teil - ein wacher Geist, eine energiegeladene Frau, die ihr Herz an den schwermütigen Ernst Jahn verliert, den sie in zähem Ringen für sich erobert, den sie gegen den anfänglichen Widerstand ihrer Eltern gegen eine Ehe mit einem Protestanten heiratet.
Dass Lilli nach ihrem Studium auch als Ärztin arbeiten will, weiß er zwar - aber seinem Weltbild entspricht trotzdem eher eine Frau, die sich um den Haushalt kümmert, die ihm den Broterwerb überlässt. Und obwohl sie dadurch auch auf die vielfältigen kulturellen Anregungen verzichten muss, folgt sie ihm nach Immenhausen, arbeitet anfangs in der Praxis mit, bis die wachsende Kinderschar dazu keine Gelegenheit mehr lässt.
Aber nicht nur die Kinder hindern sie daran - mit Inkrafttreten der Judengesetze wäre es ihr ohnehin untersagt, ihren Beruf weiterhin auszusetzen. Auch Ernst bekommt zu spüren, dass er mit einer Jüdin verheiratet ist, sie werden von ihren Freunden immer stärker ausgegrenzt. Der Bürgermeister will eine judenfreie Stadt haben; der Druck auf die Familie nimmt zu. Bis Ernst dem Reiz der Kollegin erliegt, die er zur Vertretung eingestellt hatte; er lässt sich scheiden. Mit dieser Scheidung beraubt er Lilli ihres letzten Schutzes, den sie in der sogenannten *privilegierten Mischehe* noch genossen hatte; kurze Zeit später wird sie erst in ein Arbeitslager, einige Monate später nach Auschwitz deportiert.
Das Herzstück dieses Buches bilden die Briefe, die Lilli in dieser Zeit im Arbeitslager erhalten durfte und selbst schreiben und aus dem Lager schmuggeln konnte. Kleine Alltagsgeschichten, Erzählungen vom täglichen Überleben, von den Schulbesuchen erzählen die Mädchen, aber auch von ihren Problemen mit der neuen Frau ihres Vaters. Von der Bombardierung Kassels schreiben sie immer und immer wieder, von ihren Versuchen, eine Wohnung zu finden, sie wieder aus dem Lager frei zu bekommen, zu intervenieren.
Schmerzhaft ist es zu lesen, wie die vormals so guten Freunde sich immer mehr zurückziehen - das Fehlen von Zivilcourage wird immer stärker fühlbar. Ernst möchte man beim Lesen ja am liebsten schütteln - wie, so fragt man sich, konnte er seine Frau durch die Scheidung diesem Schicksal ausliefern? Die Antwort darauf, der Brief, den Lilli an ihre Freundin Hanne schreibt und um Verständnis für ihren Mann wirbt, geht extrem unter die Haut. Trotz ihrer persönlichen Verletztheit und Enttäuschung bringt sie die Größe auf, ihn nicht anzugreifen.
Erst Einzelschicksale ermöglichen es mir, das große Grauen zu ahnen; Lilli Jahns Schicksal ist eines von vielen.
Beim Lesen der leidenschaftlichen, engagierten Briefe dieser Frau kam mir vor allem ein Gedanke immer wieder in den Sinn: Ich hätte sie gerne kennen gelernt. Zumindest in ihren Briefen kann man das immer noch.
Martin Doerry, geboren 1955, ein Enkel Lilli Jahns, studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen und Zürich. Seit 1987 arbeitet er für den Spiegel, seit 1998 ist er stellvertretender Chefredakteur
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