Doris Dörrie - Das blaue Kleid

Originaltitel: Das blaue Kleid
Roman. Diogenes 2002
177 Seiten, ISBN: 3257063199

Wie kann das Leben denn weitergehen, wenn der geliebte Partner tot ist? Was bleibt noch, wenn man das Gefühl hat, die perfekte Ergänzung jetzt für immer verloren zu haben? Florians Lebensgefährte Alfred war vor kurzem an Krebs gestorben. Und nun? Nicht einmal das gemeinsam aufgebaute Geschäft, ihre Boutique, ihre schönen Kleider bleiben ihm noch wirklich. Eine Gedächtnismodenschau für Alfred plant Florian dann, mit den Highlights der jeweiligen Saison; nur das blaue Kleid, das sie im Frühjahr 2000 verkauft hatten, das muss er noch auftreiben.

Und trifft dabei auf Babette; es war das erste bunte, fröhliche Kleid gewesen, dass sie sich seit dem Tod ihres Mannes gekauft hatte. Jeden Tag war sie seither auf dem Friedhof gewesen, jeden Tag hatte sie sein Grab besucht, und nun hatte sie hier einen Mann kennen gelernt, der ihren Liebsten zwar nicht ersetzen konnte, aber doch wieder ein wenig Farbe in ihr Leben brachte. Aber nicht genug; zu einer echten Bindung war Thomas nicht bereit, wie es schien.

Aber mit Florian hatte Babette nun jemanden getroffen, mit dem sie trauern konnte, der Verständnis für diese Leere hatte, die seither da war, Verständnis auch für die Schuldgefühle, die sie plagten; denn beide hatten sie, kurz vor dem Tod ihres Partners, angefangen, sexuelle Gelüste zu entwickeln, die in ihrer Beziehung nicht aufgehoben waren.

Dann hören sie beide davon, dass in Mexiko ein Fest gefeiert wird, das ganz den Toten gewidmet ist - ein Fest, das auch, so hoffen sie, ihr Leben wieder in zukunftsgerichtetere Bahnen drängen wird...

Es gibt kurze Szenen in diesem Buch, in denen die Autorin es schafft, auf gänzlich unprätentiöse Weise ein Verlustgefühl zu gegenwärtigen, wie es sein kann, einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch leider verdirbt sie diese Passagen dann auch wieder, weil sie noch ein Schäuferl nachlegt, es noch deutlicher machen will - und damit den kurzen Moment des Echten entwischen lässt.

Ähnlich ging es mir mit der ganzen Konzeption dieses Romans; gehalten wird das Konstrukt vor allem durch den Willen der Autorin, nicht aus sich selbst heraus. Die Protagonisten bleiben hölzern, leblos, ihr Handeln wirkt unmotiviert.

Doris Dörrie hat mit ihren Erzählungen bewiesen, dass sie es besser kann; *Das blaue Kleid* konnte mich nicht überzeugen.

Doris Dörrie

Doris Dörrie wurde am 26.5.55 in Hannover geboren und lebt heute in München. Nach einem abgebrochenen Studium und diversen Jobbereien entdeckte sie den Film für sich. "Männer" machte sie international bekannt. Daneben veröffentlichte sie eine Reihe von Erzählungen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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