E.L. Doctorow - City of God

Originaltitel: City of God
Roman. List Verlag 2003
398 Seiten, ISBN: 3548602894

Wer klaut schon das Kreuz einer Kirche? Kaum vorstellbar, dass sich dafür ein Markt finden sollte, doch Thomas Pemberton, Pfarrer der kleinen Episkopalkirche St. Timothy im East Village muss genau das feststellen. Nicht, dass es der erste Diebstahl gewesen wäre - der Spaziergang durch den Battery Park wurde in letzter Zeit immer mehr auch zu einer Möglichkeit, die gestohlenen Chorgewänder und Messinstrumente wieder zu erwerben.

Das Kreuz aber blieb verschwunden. Bis dann eines Tages ausgerechnet von einer kleinen jüdischen Gemeinde der Anruf kam, dass das Kreuz auf ihrem Dach gefunden worden wäre. Für Pemberton, der sich schon seit einiger Zeit mit tiefen Glaubenszweifeln herumschlägt, ist der Kontakt zu dem jüdischen Rabbi-Paar Joshua und Sarah Gruen sehr bereichernd. Alle drei beschäftigt sie die Frage, welchen Wert die Religion in unserer Zeit noch haben kann. Wie kann man noch an einen Gott glauben, nachdem man ein Jahrhundert voller vernichtender, menschenverachtender Kriege hinter sich hat?

Pemberton stößt durch seine laut geäußerten Zweifel bei seinen Vorgesetzten auf Widerstand; ein Hirte, der den Glauben seiner Schafe ins Wanken bringt, ist nicht erwünscht. Die jüdische Gemeinde, denen Joshua und Sarah vorstehen, versucht, zu den Wurzeln des Glaubens zurückzukehren, jede Überlieferung in Frage zu stellen und auf Tragfähigkeit in einem neuen, reformierten Gottesverständnis zu prüfen. Eine innige Freundschaft entsteht, aus der nach Joshuas Tod langsam eine Liebesgeschichte entsteht...

Das ist allerdings nur einer der vielen Handlungsstränge, die in diesem Buch verwoben sind; da gibt es noch Everett, der ein Buch über Pemberton schreiben will, so dass man als Leser teilweise auch die Korrekturen des Protagonisten zu lesen erhält; einen großen Teil nimmt auch das Tagebuch von Sarahs Großvater ein, das er im Ghetto geschrieben hat, dazu kommen noch Liedtexte, Einzelgeschichten, die nur entfernt mit dem eigentlichen Handlungsstrang verwoben sind, insgesamt aber ein geradezu unglaublich intensives Gefühl für diese pulsierende Stadt ergibt.

Die religiöse Frage in diesem Buch hat mich persönlich zwar auch interessiert, war für mich trotz des großen Raumes nicht vorherrschend; mich hat am stärksten die Konstruktion des Romans fasziniert, die vielen Versatzstücke, die den Leser auch immer wieder aus dem Lesefluss reißen, die bereits Geschildertes wieder in Frage stellen. Der rasche, unvorhersehbare Perspektivenwechsel hat mich anfangs irritiert, bis ich mich dann gerade davon in den eigenartigen Rhythmus von Sprache und Erzähltem habe hineinziehen lassen.

Wie exakt der Autor es geschafft hat, die Stimmung in den einzelnen Straßen und Parks wiederzugeben konnte ich während des Lesens selbst erleben; es war mir manchmal geradezu unheimlich, am Abend eine Szene über einen Spaziergang über den Washington Square zu lesen, den ich genau so an diesem Tag selbst erlebt hatte.

Die Antwort, die Pemberton im Roman auf seine Zweifelsglauben findet, kann ich zwar nicht so ganz nachvollziehen, bei genauerer Prüfung finden sich auch kleinere Ungereimtheiten im Gesamtkonzept; aber insgesamt war ich von der Lektüre dieses Buches so begeistert, dass ich hoffe, dass es noch von vielen anderen gelesen wird.

E.L. Doctorow

E. L. Doctorow, geboren 1931 in New York, gilt als einer der großen amerikanischen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Für sein umfangreiches Werk, das als Vorlage für Filme und Musicals diente, bekam er zahlreiche Auszeichnungen. Bekannt wurde er vor allem durch Ragtime und Das Wasserwerk. E.L. Doctorow lebt und arbeitet in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©14.04.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing