Rolf Dobelli - Fünfunddreißig. Eine Midlife Story

Originaltitel: Fünfunddreißig. Eine Midlife Story
Roman. Diogenes 2003
204 Seiten, ISBN: 3257063520

Seine Sekretärin hatte bestimmt dafür gesorgt, dass gekühlter Sekt bereitstand und die obligatorische Torte; mittlerweile hatten die Kollegen wohl auch schon begonnen, ohne ihn zu feiern. Es war sein 35. Geburtstag, er war gerade von einem langen Flug, einem vierwöchigen Auslandsaufenthalt zurückgekommen, und sollte in seinem Büro stehen, sich gratulieren lassen, vom teuren Wirtschaftslehrgang in Boston berichten und sich auf den Abend mit seiner Frau freuen.

Stattdessen war er auf den Berg gestiegen und saß nun im Regen, sah hinunter auf die Stadt und zog Bilanz - Bilanz über die vergangenen 35 Jahre, seine Karriere, seine Beziehungen, seine Freund - und über die letzten Wochen, die er nicht wie geplant in Boston, sondern in Indien verbracht hatte, nachdem er dort für teures Geld wieder nur die alten lebensfremden Managementweisheiten zu hören bekam, und auf seine Einwürfe "im Leben ist nicht alles planbar" mit Plattitüden abgespeist wurde.

War das, was er bislang erreicht hatte, wirklich das, was er immer sein wollte? Was war aus den Träumen geworden, Schriftsteller zu werden? Was aus seinen Idealen? "Vielleicht liegt seine plötzliche Abgeklärtheit darin, dass er sich damit abgefunden hat, keine Antworten auf die großen Fragen mehr zu erhoffen. Und dies für die restlichen Jahrzehnte. Vielleicht ist ihm der Drang nach Erkenntnis ganz einfach steckengeblieben. Abgestorben. Verleider-Reife. Reife aus Langeweile."

Früher hatte er Freunde, die ihn auch mal um Rat gefragt hatten; mittlerweile war er so sehr in seiner Rolle als Geschäftsmann, dass er Kritik nur noch unter dickem Zuckerguss anzubringen vermochte; wertlos, wenn man auf eine ehrliche Meinung hoffte. Aber Freundschaften änderten sich in seinem Alter ohnehin; man traf Menschen, die einem irgendwann noch nützlich sein konnten, die in der selben Liga spielten, man tauschte Visitenkarten aus, statt sich zu unterhalten - war das wirklich er?

Oder war er der Mann, der wochenlang alleine durch Indien gereist war, der die leere Landschaft, die Menschenmengen, auf sich hatte wirken lassen, der sich auf einfachsten Wegen fortbewegt hatte, den Luxus nicht vermisst hatte - aber was nun?

"Fünfunddreißig" ist kein Roman - es sind Gedankensplitter, die um Fragen kreisen, die sich viele wohl nicht erst in der Mitte des Lebens stellen, Sinnfragen, die in tiefste Verzweiflung stürzen können, die den Wunsch wecken, aus dem festgefügten, wohlgeordneten Leben auszubrechen, nochmal von vorne anzufangen, etwas zu tun, was einem wirklich am Herzen liegt.

Es sind keine wirklich neuen Erkenntnisse, die in diesem Buch vermittelt werden. Es sind auch keine Fragen, die neu und elementar wären. Es ist eine teilweise recht bittere Auflistung dessen, was bei einem auf den ersten Blick so erfolgreichen Leben auf der Strecke bleibt.

Rolf Dobelli

Rolf Dobelli, geboren 1966 in Luzern, war mehrere Jahre lang Finanzchef und CEO verschiedener Tochterfirmen eines multinationalen Konzerns. 1998 gründete er seine eigene Firma, getAbstract. Er lebt in Miami und Luzern.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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