Philippe Djian - Schwarze Tage, weiße Nächte

Originaltitel: Vers chez les blancs
Roman. Diogenes 2002
421 Seiten, ISBN: 3257063083

eit zwei Jahren ist Francis nun Witwer. Seine Frau und seine Kinder sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Auch mit seiner Karriere geht es den Bach runter: Seit Ewigkeiten hat er keinen Roman mehr fertiggestellt, und seine älteren Titel sind schon seit längerer Zeit nicht mehr aufgelegt. Das Finanzamt zieht den größten Teil seiner Einkünfte ein; auf Luxus wie Dienstmädchen etc. muss er wieder verzichten. Über Wasser hält er sich auch nicht mehr mit seinem Beruf, sondern mit dem Verkauf von Vitaminpillen.

Aus dieser Misere flüchtet er sich immer wieder in eine Welt, in der seine Frau noch bei ihm ist, in der sie morgens mit ihm am Frühstückstisch sitzt und mit ihm spricht.

Dafür ist Francis´ Freund Patrick jetzt auf dem Erfolgskurs. Seine Bücher verkaufen sich blendend, er ist als Redner gefragt (auch wenn Francis die Vorträge für ihn verfasst), und er hat auch noch eine reiche Frau geheiratet. Eine Frau, mit der Francis vor 20 Jahren mal etwas hatte.

Patrick hat einen neuen Roman geschrieben - und unter dem Erfolgsdruck, unter dem er mittlerweile steht, ist er nicht mehr sicher, ob er jetzt nur Mist oder ein Meisterwerk verfasst hat. Ein Meisterwerk, wie Francis findet. Und für dieses Meisterwerk wird nun auch ein hoher Preis geboten; Patrick erhält ein Angebot von einem anderen Verlag. Francis soll dafür sorgen, dass der Übernahmeversuch vereitelt wird. Mit allen Mitteln; mit dem Kontakt zu Madonna, beispielsweise, die dann gar nicht die echte Madonna ist, sondern vom gegnerischen Verlag geschickt wurde, um Patrick zum Wechsel zu überreden...

Das, im Groben, ist der Handlungsstrang, an dem sich der eigentliche Zweck des Buches festmacht: seitenweise Sex. Alle Stellungen, alle Kombinationen, Sado-maso, und und und.

Bei all dem Sex fallen die subtileren Aussagen fast unter den Rost; dabei ist es wunderbar zu beobachten, wie Edith, Francis´ Frau, immer mehr aus seinen Gedanken schwindet, wie er dieses Verschwinden literarisch umsetzt; oder auch, was er über das Schreiben, über den Literaturbetrieb erzählt. Da finden sich sehr witzige Anspielungen; allerdings fand ich es dann auch nervend, wenn ich beim Lesen, anstatt in das Buch zu versinken, vom Gefühl übermannt werde: "aha, jetzt will er also, dass ich an den und den Autor denke".

Aber insgesamt war ich dennoch nicht begeistert; ich vermisse, was ich an seinen früheren Büchern so faszinierend fand, seine Frechheit, seinen Trotz, die Rebellion. Djian ist wohl schon zu etabliert, ihm geht der Stoff aus; und wenn man sich die Thematik seiner letzten Bücher ansieht, dann ist man fast versucht, ihm wieder ein wenig mehr Härte im Leben zu wünschen.

Philippe Djian

Philippe Djian, geb. am 3.5.49, hatte zunächst ein Jahr Literaturwissenschaft studiert, danach eine Journalismusschule, hat sich mit den verschiedensten Jobs durchs Leben geschlagen, bis er mit seinem dritten Roman, "Betty Blue. 37,2° am Morgen" weltberühmt wurde. Er lebt selten länger als fünf Jahre an einem Ort. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz, Lausanne und Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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