Philippe Djian - Sirenen

Originaltitel: Ca, c´est un baiser
Roman. Diogenes 2003
440 Seiten, ISBN: 3257063741

Nathan und Marie-Jo sind ein Team. Ihr Beruf ist gerade in ihrem Freundeskreis zwar nicht besonders angesehen; wer will schon mit einem Bullen gesehen werden? Doch sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen erfordert eben Mut. Und den haben sie.

Auch, als es darum geht, den Mörder von Jennifer Brennen zu identifizieren; Tochter eines schwerreichen Mannes, die sich gegen seine ausbeuterischen Geschäftsgebaren auf ihre ganz eigene Weise zur Wehr gesetzt hatte - als Prostituierte. Doch nun war sie tot, grausam zugerichtet - für Nathan steht fest, dass ihr Vater da seine Hand im Spiel hatte, und dahingehend ermittelt er auch, egal, wie ungern seine Vorgesetzten das sehen.

Erschwert wird die Suche nach dem Täter noch durch das komplizierte Privatleben der beiden Polizisten und ihre jeweils ganz persönliche Verwicklung in den Fall; einerseits vögeln sie regelmäßig miteinander, Nathan hängt aber eigentlich noch unheimlich an seiner Frau Chris, die sich gerade von ihm getrennt hat und nun mit einem Aktivisten ein Verhältnis hat, vor dem Nathan sie glaubt beschützen zu müssen. Außerdem ist noch ein Model, Paula, bei ihm eingezogen, mit der er aber - auf diese Feststellung wird viel Wert gelegt - nicht schläft.

Marie-Jo ist mit Franck verheiratet, der sich allerdings mehr für knackige Jungs interessiert und Literatur unterrichtet. Auch Nathan ist mittlerweile einer seiner Schüler und versucht sich neben der Polizeiarbeit als Schriftsteller.

Insgesamt wird hauptsächlich quer durch die Gegend gevögelt und gekokst. Dazwischen hat man Zeit für eine Menge Dialoge, die sich durch inflationären Gebrauch von Fäkalbegriffen und Wiederholungen der Argumente des Gesprächspartners, alles in höchst aggressivem Ton, beschränken; ein Beispiel:

"Ich bin´s", sagte ich.
"Oh, du bist es?"
"Ja, ich bin´s. Ja, Chris, ich bin es."
"Nathan, bist du es?"
"Chris. Verdammt noch mal, was ist los?"
"Nathan?"
"Was ist los, verdammt noch mal? Chris."
"Was sagst du?"
"Jetzt reicht´s aber, Chris. Ich hab gesagt, was ist los, verdammte Scheiße."

In diesem Ton ist der Großteil des Buches gehalten, ähnlich aussagekräftig sind viele der Dialoge. Und wenn mal auf Dialog verzichtet wird, hat man es mit Beschreibungen dieser Art zu tun: "Dann blickte ich Tony an. Aus seinen Augenhöhlen ergossen sich glühende Lavaströme in meine Richtung. Damit konnte er mich nicht beeindrucken. Ich stand wortlos auf und versetzte ihm mit einer mechanischen Geste einen weiteren elektrischen Schlag. Schrieeeeek." Oder, nächstes Beispiel: "Ich kam wieder zu mir, als man mich schüttelte. In Wirklichkeit lag ein Typ auf mir und vögelte mich. Ich sah nicht, wer es war. Als er sich zurückzog, kam ein anderer rein. Aber das war nicht das schlimmste, sondern es roch nach Blut. Und nicht etwa, weil ich meine Tage, sondern weil ich einen eingeschlagenen Schädel hatte."

Das alles über 400 Seiten - da hilft auch nicht mehr, dass Djian wohl vorhatte, das Genre des Kriminalromans zu persiflieren und dazu auch durchaus mal gute Ansätze findet; dass er klar Stellung gegen die Globalisierungspolitik bezieht, dabei aber auch die Aktionen der Globalisierungsgegner aufs Korn nimmt. Das geht unter im Wust grottenlangweiliger Seiten; nichts habe ich von dem Djian gefunden, den ich mal so gerne gelesen habe. Auch in seinen anderen Büchern ist er nicht gerade zimperlich in der Ausdrucksweise, und hat gerade dadurch eine anrührende Zartheit hinter der Aggression erkennen lassen. Nach "Schwarze Tage, weiße Nächte", ja, eigentlich schon seit Band 2 und 3 seiner Trilogie, war sicher nicht nur meine Erwartungshaltung kontinuierlich gesunken. Aber mit diesem Buch hat Djian es geschafft, sogar das noch zu unterbieten.

Schade!

Philippe Djian

Philippe Djian, geb. am 3.5.49, hatte zunächst ein Jahr Literaturwissenschaft studiert, danach eine Journalismusschule, hat sich mit den verschiedensten Jobs durchs Leben geschlagen, bis er mit seinem dritten Roman, "Betty Blue. 37,2° am Morgen" weltberühmt wurde. Er lebt selten länger als fünf Jahre an einem Ort. Bisherige Stationen: New York, Florenz, Bordeaux, Biarritz, Lausanne und Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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