Chitra Banerjee Divakaruni - Bengalische Sterne

Originaltitel: The Unknown Errors of Our Lifes
Roman. Diana Verlag 2001
270 Seiten, ISBN: 3828400566

Zwischen dem modernen Amerika und Indien, den Wurzeln, spielen die Erzählungen in dem Band "Bengalische Sterne". Die Titelgeschichte erzählt von einer Frau, die seit langem das erste Mal wieder in Indien ist, um ihre Mutter zu besuchen. Sie ist nur mit ihren Kindern hier, der Mann ist in Amerika geblieben, wo sie jetzt auch lebt - einerseits, weil sie glaubt, dass er ohnehin nicht hierher passen würde, zu all den alten Traditionen, zu ihrer Familie; dass er ein Außenstehender bleiben würde. Die Kinder lieben es, hier zu sein. Sie lieben die Großmutter, die Geschichten, das Essen, die Freiheit - und immer wieder kommen der Frau Erinnerungen an ihre eigene Kindheit, an das Wissen, dass sie nicht schwimmen gehen durfte, noch nicht einmal, wenn sie dabei einen Sari trug; daran, wie ihre Rebellion ausgesehen hatte, wie sie es schließlich doch geschafft hatte, zur Universität zu gehen. Dann wird eines ihrer Kinder krank - und plötzlich bricht die bisherige Besuchsidylle auseinander. Die Kinder fangen an, Amerika und das Essen zu vermissen, der ganze alte Druck lastet wieder nur auf ihr, der Frau; bis ihr Mann, der Fremde und Ausländer kommt und alles doch nochmal ganz anders wird, als sie alle es erwarten.

In einer anderen Geschichte ist die Mutter nach dem Tod ihres Mannes zu ihrem einzigen Sohn und dessen Familie nach Amerika gekommen. Bist du glücklich? fragt ihre älteste Freundin sie in ihren Briefen. Glück - was ist Glück? Ich weiß es nicht mehr, wird sie ihr zum Ende der Geschichte antworten. Denn hier in Amerika ist nichts von dem, was sie ihr Leben lang gemacht hat, mehr richtig. Die Enkel sind ganz anders erzogen, sind nicht mehr zur Achtung der Älteren angehalten, und lieben sie auch nicht so, wie sie es sich erhofft hatte. Vor allem aber: niemand braucht sie hier...

Natürlich haben nicht alle Erzählungen in diesem Band das gleiche Niveau, manchmal rutscht sowohl die Sprache als auch der Inhalt ab. Aber in den meisten Fällen ist es der Autorin sehr überzeugend gelungen, den Zwiespalt zwischen zwei Kulturen lebendig werden zu lassen. Was passiert, wenn man entweder versucht, die Wurzeln zu verleugnen, oder die alten Traditionen hinter sich zu lassen - und sie einen dann doch wieder einholen, wie bei dem jungen Pärchen, die beide in Amerika aufgewachsen sind, und sich nun trotzdem durch einen Heiratsvermittler kennen lernen. Dieses Aufeinanderprallen von alt und jung, Tradition und Moderne ist faszinierend zu lesen, und lässt das Verständnis für die Probleme von Einwanderern auf jeden Fall wachsen. Zwar nicht unbedingt große Literatur, aber auf jeden Fall lesenswert!

Chitra Banerjee Divakaruni

Chitra Banerjee Divakaruni wurde in Indien geboren und lebt heute mit ihrer Familie in den USA; für ihren ersten Band mit Erzählungen (Der Duft der Mangoblüten) erhielt die Berkeley-Absolventin und Dozentin für Creative Writing neben anderen Auszeichnungen den "American Book Award".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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