Agnes Desarthe - Die guten Vorsätze

Originaltitel: Les bonnes intentiones
Roman. Alexander Fest 2001
136 Seiten, ISBN: 3828601537

Als sie einzogen, war sie hochschwanger. Kurz darauf wurde Moise geboren, drei Jahre später sein kleiner Bruder. Die Tage verbringt sie an ihrem Schreibtisch mit dem Übersetzen von Büchern und Berichten, träumt davon, selber Gedichte zu schreiben, freut sich auf die Rückkehr ihres Mannes von den Baustellen, die ihn als Architekten aus Paris hinausführen.

Und seit ihrem alten Nachbarn innerhalb kurzer Zeit Hund, Frau und Sohn weggestorben waren, öffnet sie alle paar Stunden ihre Wohnungstür, um ihm etwas zu essen zu geben. Er wird zwar versorgt - seine Schwiegertochter hatte die Hauswarte damit beauftragt - aber er ist auch einsam. Und außerdem von Simone, der Hauswartin, mehr schlecht als recht bekocht. Aber erst, als Simones Bruder mit ins Haus zieht, geht der Terror los.

Denn dieser Mann, von der Familie bald nur noch Simono genannt, terrorisiert den alten Mann. Droht ihm Schläge an, sperrt ihn in seiner Wohnung ein. Ballert mit seiner Pistole im Hof herum, und schreckt auch vor wüsten Drohungen gegen die Familie nicht zurück - man wisse schon noch, was man mit Juden mache, nicht wahr?

Ist sie jetzt ein guter Mensch, weil sie sich um den Nachbarn kümmert? Weil sie die Polizei ruft, ihm zu essen gibt, sich am Sozialamt für ihn einsetzt? Das ist eine Frage, die sich die Protagonisten dieses Romanes häufig stellt. Denn eigentlich, das ist ihr bewusst, macht sie nicht viel, und sie lässt den Nachbarn auch nie in ihre Wohnung. Aber das, was sie unter Zivilcourage, unter Nachbarschaftshilfe versteht, das ist für sie selbstverständlich. Allerdings nur für sie - keiner der Nachbarn kommt zur Hilfe, und das Einschalten der Polizei bringt gar nichts.

Es ist erschreckend, diesen schmalen Roman zu lesen. Erschreckend, weil man sich selber sieht -- beim Wegsehen, beim nicht wahrhaben wollen. Agnes Desarthe hat hier auf sehr differenzierte Weise dem Leser einen Spiegel vorgehalten.

Agnes Desarthe

Agnès Desarthe, 1966 in Paris geboren, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in ihrer Heimatstadt. Zunächst machte sie sich als Kinderbuchautorin einen Namen, mittlerweile zählt sie zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©26.08.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing