Agnes Desarthe - Flüchtige Augenblicke des Glücks

Originaltitel: Quelques minutes de bonheur absolu
Roman. Alexander Fest 2000
151 Seiten, ISBN: 3596146976

"Meine Schwester hat einen wunderbaren Beruf. Sie ist Hebamme" erklärt die berühmte Sängerin Mascha Großmann nach einem ihrer Auftritte und strahlt ihre Schwester an - die am liebsten im Boden versinken würde.

Denn natürlich hatte man von ihr, der Tochter von zwei Künstlern, erwartet, dass sie wie ihre Schwester den Weg in einen kreativen Beruf einschlagen würde.

Doch Cyrilles Entscheidung war dafür gefallen, Kindern zur Welt zu helfen. Und trotz einiger Jahre Berufserfahrung fürchtet sie sich nach wie vor vor der Frage von den werdenden Müttern: "Und, können Sie überhaupt mitreden? Haben sie selbst auch Kinder?"

Nein, hat sie nicht. Und auch nicht den passenden Mann dazu - denn die Männer, die sie interessieren, die sich für sie interessieren, sind schon in festen Händen - der Verlobte ihrer Schwester, der Mann der einzigen Frau, die sie sich als Freundin vorstellen könnte.

Und obwohl ihr Leben nach 150 Seiten sich äußerlich in nichts unterscheidet, hat sie doch etwas dazu gewonnen, "man musste sich nur, ohne gegen die Strömung anzukämpfen, von einer Brücke zur anderen treiben lassen und den Kopf dabei gerade weit genug aus dem Wasser halten um den Wechsel der Landschaft bewundern zu können."

Agnès Desarthe schafft es in ihren Büchern immer wieder, mich einen Augenblick in der Schwebe zu lassen zwischen Traum und Wirklichkeit - die Flüchtigkeit des Augenblicks, den sie beschreibt, vermag man kaum festzuhalten.

Eigentlich ist die Geschichte, die sie hier erzählt, ganz alltäglich und könnte auch in einem Liebesroman zu finden sein; eine junge Frau, hübsch, aber einsam, unzufrieden mit sich und der Welt, hängt ihr Herz an eine Frau, die sie an ihre Mutter erinnert, stellt sich vor, wie es wäre, ihre Freundin zu sein. Sie ist ein wenig eifersüchtig auf die erfolgreiche Schwester, flirtet mit deren Verlobten, hat ein kleines Abenteuer mit einem Freund ihrer Arbeitskollegin - und steht zum Schluss genauso alleine da wie zu Beginn.

Es sind die feinsinnigen Beobachtungen, die dieses Buch herausheben; die Beschreibung, wie sehr der Wunsch in Cyrille nach einer vertrauten Seele da ist - und wie wenig Entsprechung dieser Wunsch findet.

Zum Schluss hat sie ein Stückweit zu sich selbst gefunden, weiß, dass sie weniger abhängig von der Welt draußen ist, als sie glaubte.

Schön, es gelesen zu haben - obwohl die Autorin sich mit "Ein Geheimnis ohne Belang" noch weiter gesteigert hat.

Agnes Desarthe

Agnès Desarthe, 1966 in Paris geboren, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in ihrer Heimatstadt. Zunächst machte sie sich als Kinderbuchautorin einen Namen, mittlerweile zählt sie zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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