Agnes Desarthe - Ein Geheimnis ohne Belang

Originaltitel: Un secret sans importance
Roman. Alexander Fest 1997
218 Seiten, ISBN: 3828600166

Violette, so ist die allgemeine Meinung, ist seit dem Tod ihrer Mutter verrückt und muss behandelt werden. Sie merkt auch selber, dass die Welt ihrer Kindheit auf sie einstürmt, wenn sie ihre Tabletten nicht schluckt.

Émile, der Universitätsprofessor, ist mit den Jahren frauenscheu geworden. Er hatte auch verlernt, Menschen zu vertrauen, sie in seine Gedankengänge einzuweihen - bis er seine schöne und scheue Nachbarin jeden Morgen zum Kaffee zu besuchen beginnt. Er verliebt sich, doch weiß er nicht, wie er Violette näher kommen kann.

Dan, Émile´s Freund, erlebt schmerzhaft die Veränderung seiner Frau Sonja, die durch den Krebs gezeichnet ist. Er stellt für seinen Schüler Gabriel eine Verbindung mit Émile her - Gabriel ist bei seinem Großvater aufgewachsen, und seit einiger Zeit auf der Suche nach seinem leibhaftigen Vater.

Auf einem Fest treffen alle diese Menschen zusammen. Sonja, schmerzgepeinigt, beobachtet das Geschehen von einem Platz am Rande des Geschehens; das Auftauchen Violettes, Émiles Reaktion, den ersten Kontakt zwischen Gabriel und Émile, das Auftreten einer schönen fremden Frau, die von mehreren Männern begehrt wird, doch mit Gabriel verschwindet.

Nach diesem Fest hat sich das Leben Aller unwiderruflich verändert...

Wie beschreibt man ein Buch, bei dem man das Gefühl hatte, etwas Seltenes, sehr Zerbrechliches in Händen zu halten?

Ruhig und still werden die Geschichten erzählt, dabei voller Poesie. Das Geheimnis, das Jeder mit sich trägt, dieses Geheimnis, das "ohne Belang" ist, erschließt sich dem Leser vor allem dadurch, dass er mit all den Personen nacheinander verschmilzt.

So erlebt man Violettes Empfinden, ihr Wechselspiel zwischen der modernen Pariser Gegenwart und der Kindheit in Osteuropa besonders stark und intensiv. "Ich bin nicht verrückt und nicht krank" denkt sie von sich selbst, "ich nehme es nur hin, dass ich, wie jedes beliebige Kind, Sachen sehe, von denen die Erwachsenen nichts mehr wissen wollen."

Immer wieder treffen die Protagonisten aufeinander - ohne noch voneinander zu wissen. Und nahtlos wechselt die Erzählung dann von einem zum anderen, wird ein Teil des Geschehens aus anderer Sicht reflektiert.

Gerade dieser Wechsel der Erzählperspektive macht viel vom Reiz dieses Buches aus - zusammen mit der wunderbaren Sprache.

Agnes Desarthe

Agnès Desarthe, 1966 in Paris geboren, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in ihrer Heimatstadt. Zunächst machte sie sich als Kinderbuchautorin einen Namen, mittlerweile zählt sie zu den wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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