Don deLillo - Körperzeit

Originaltitel: The Body Artist
Roman. Goldmann Verlag 2002
144 Seiten, ISBN: 3442450225

Das Haus war für mehrere Monate gemietet. Also blieb Lauren dort; blieb, auch nachdem ihr Mann Rey sich getötet hatte, blieb allein in dieser Einöde. War es die Einsamkeit, die ihr plötzlich vorgaukelte, Reys Stimme wieder zu hören? Die letzten Gespräche, die sie mit ihm geführt hatte, immer wieder zu hören? Oder war dieser seltsame kleine Mann, der im direkten Gespräch keinen vernünftigen Satz zustandebrachte, doch nicht nur eine Ausgeburt ihrer Phantasie, sondern eine Reinkarnation des Verstorbenen?

Am Ende des Textes steht eine Performance, in der Lauren ihre Trauer verarbeitet, eine Selbstauslöschung - und ich als Leser blieb ziemlich ratlos zurück.

Ich weiß, dass DeLillo-Fans jetzt über mich herfallen werden, dass ich mich zu wenig eingelassen hätte, dass ich kein Literaturverständnis hätte - aber ich konnte mit diesem schmalen Bändchen wenig anfangen. Und wäre es nicht so dünn gewesen, dann hätte ich es wahrscheinlich auch nicht zu Ende gelesen.

Sobald DeLillo gegenständlicher wird, sobald er in kleinen Szenen die Beziehung zwischen den beiden scharf umreißt, in wenigen Worten die Risse, das Unverständnis zeigt - das waren die Momente, an denen der Autor mich packte. Eine oberflächlich alltägliche Unterhaltung über Frühstücksgewohnheiten beinhaltet dann plötzlich so viel mehr, wird zur Metapher für verpasste Gelegenheiten, zum Sinnbild für Veränderungen, die der Partner nicht wahrnimmt.

Das waren für mich die Leseerlebnisse, die mir das Gefühl gaben, ein wenig nachvollziehen zu können, warum DeLillo von so vielen Lesern als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur geschätzt wird. Nachdem seine Werke sich sonst nicht unbedingt durch Kürze auszeichnen, war Körperzeit für mich ein erster Versuch, es einmal mit einem kurzen Werk dieses Autors zu versuchen. Insgesamt hat es meine Lust, bald zu einem umfangreicheren Buch von ihm zu greifen, nicht gerade erhöht. Für mich war "Körperzeit" eines dieser Bücher, an denen sich Literaturkritiker austoben, die aber für Genussleser eher nichtssagend sind.

Don deLillo

Don DeLillo, 1936 in New York als Sohn italienischer Einwanderer geboren, gehört zu den größten Autoren der amerikanischen Moderne. Für den Roman "Weißes Rauschen" erhielt er den National Book Award, "Sieben Sekunden" über Kennedys Ermordung wurde in den USA breit diskutiert und "Mao II" mit dem Pen/Faulkner Award ausgezeichnet. sein monumentales Romanepos "Unterwelt" wurde weltweit als literarisches Ereignis gefeiert. "Unterwelt" stand monatelang auf den Bestsellerlisten und wurde als eines der wichtigsten Bücher des ausgehenden Jahrhunderts gefeiert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Der Spieler
  • Körperzeit
  • Der Omega-Punkt
  • Der Omegapunkt

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