Jeffery Deaver - Der Insektensammler

Originaltitel: The Empty Chair
Roman. Blanvalet 2001
477 Seiten, ISBN: 3764501286

Lincoln Rhmye und seine beiden Begleiter Amelia Sachs und Thom sind nicht nach Carolina gekommen, um hier einen Entführungsfall zu lösen; eigentlich wollte Rhyme sich nur einer Operation unterziehen, die ihm den Bruchteil einer Chance bot, zukünftig mehr als nur einen einzigen Finger zu bewegen. Lincoln Rhmye war nach einem Unfall querschnittsgelähmt - von der Halswirbelsäule an. Ein Leben in völliger Abhängigkeit lebt er seither; kein winziger Handgriff war ihm mehr alleine möglich.

Doch kurz vor der Operation werden sie gebeten, der örtlichen Polizei zur Seite zu stehen; ein Junge hatte einen Mord begangen, ein Mädchen entführt und erst vor wenigen Stunden ein zweites Mädchen verschleppt. Ein gefährlich schlauer Junge; obwohl er erst sechzehn Jahre alt war, wurden ihm mehrere Todesfälle zugeschrieben, und eines war klar: seinen Spitznamen als "Insektensammler" hatte Garrett nicht umsonst. Insekten waren nicht nur sein Vorbild, sondern auch seine Waffe; Hornissenstiche waren eine der Todesursachen.

Bei Entführungen aus sexuellen Gründen hat das Opfer meist nur noch knapp 24 Stunden zu leben; die Zeit drängte also. Und gegen die Vorbehalte der örtlichen Polizei leitet Rhyme die Ermittlungen auf seine Weise. Er schickt nicht die gesamt Bevölkerung in das Sumpfland, um den Jungen zu suchen; vier Polizisten reichen ihm, solange Amelia Sachs mit ihnen unterwegs ist.

Das unglaubliche gelingt. Trotz der Fallen und irrigen Hinweisen, die der Junge hinterlassen hatte, wird er gefunden - und mit ihm eines der beiden Mädchen. Aber wo ist das zweite Mädchen, das er schon zuvor entführt hatte? Wo hatte er sie versteckt? Nein, es war nicht aus ihm herauszukriegen; die Verhöre der Polizei bleiben erfolglos. Und das, was er erzählt, lässt Sachs auch zweifeln, dass er tatsächlich an den ihm zur Last gelegten Morden schuldig ist.

Ihre Zweifel werden immer stärker. Und plötzlich erkennt sie: es gibt für sie nur einen Weg, die Wahrheit herauszufinden - sie muss Garrett befreien und mit ihm gemeinsam Mary Beth suchen...

Als hochspannend und intelligent werden die Krimis oder Psychothriller von Jeffery Deaver verkauft. Und wenn man sich erst durch fast 200 Seiten gekämpft hat, fängt es auch wirklich langsam an, Spannung und Tempo zu entwickeln - dann nämlich, wenn Amelia Sachs mit dem Angeklagten aus dem Gefängnis abhaut. Diese Verfolgungsjagd, die Tricks, die beide Seiten ausspielen, sind schon gut und packend geschildert.

Wenn nur nicht alles so schrecklich an den Haaren herbeigezogen wäre! Und dass fast die Hälfte der Protagonisten irgendwann mindestens eine Kugel abbekommt, war für mich ebenso ziemlich überflüssig. War die erste Kehrtwendung, als aus dem unsympathischen, gefährlichen Entführer Garrett der zwar gestörte, aber durchaus liebenswerte Junge wird, noch irgendwie glaubwürdig, jagen sich auf den letzten 100 Seiten die überraschenden Wendungen geradezu. Man hat beim Lesen schon vor Auge, wie der Autor sich die künftige Verfilmung mit rasanter Kameraführung vorgestellt hatte - und das geht auf Kosten des Buchs.

Zu viel, zu gewollt, zu unsympathisch - darauf lässt sich das Buch für mich reduzieren. Ein Serienermittler, der mir nicht sympathisch ist, verführt mich auch nicht dazu, die weiteren Bände zu lesen, ebenso wenig erscheint die Beziehung zwischen Sachs und Rhyme in irgendeiner Form plausibel. Die Forensik als Möglichkeit, den Täter oder Tathergang zu rekonstruieren ist ja schön und gut, aber eigentlich relativ langweilig; nein, kein Autor, dessen weitere Bücher ich lesen werde, kein Buch, das ich weiterempfehlen kann.

Jeffery Deaver

Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher haben ihm bereits zahlreiche Auszeichnungen eingetragen. Die Verfilmung seines ersten Lincoln-Rhyme-Romans "Die Assistentin" unter dem Titel "Der Knochenjäger" mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen - war international ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittlerpaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine große Fangemeinde eingetragen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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