David Vann - Im Schatten des Vaters

Originaltitel: Sukkwan Island (aus dem Erzählband "Legend of a Suicide")
Erzählung(en). Suhrkamp Verlag 2011
184 Seiten, ISBN: 3518422294

Es ist der Traum vieler Menschen: einfach aussteigen, auf einer einsamen Insel leben, sich selbst versorgen, den Gewalten der Natur trotzen… Menschen, die dann noch von einer Insel vor Alaska träumen, davon, dass es im Wesentlichen nur zwei warme Monate gibt, werden dann schon weniger. Und wohl noch weniger dreizehnjährige Jungs wollen ihre Familie, ihre Freunde für ein ganzes Jahr verlassen, um stattdessen mit dem Vater als einziger Gesellschaft ums Überleben zu kämpfen.

Obwohl - eigentlich hatte der Vater ja etwas anderes versprochen. Privatunterricht, ein großes gemeinsames Abenteuer, die Chance, sich wieder näher zu kommen, nachdem sie sich aufgrund der Trennung der Eltern nicht mehr so viel gesehen hatten.

Schon zu Beginn ihres Aufenthalts zeigt sich, dass Jim, Roys Vater, so manches nicht richtig durchdacht hatte. Ein wasserfester Unterstand für Brennholz fehlt, ein Depot für Wintervorräte muss erst errichtet werden. Baumaterial ist nicht vorhanden. Und schon nach wenigen Tagen, nach einer Erkundungstour, um die Insel kennen zu lernen, folgt die böse Überraschung: Bären haben sich an ihren Vorräten gütlich getan, und ansonsten den Großteil ihrer Besitztümer wie Schlafsack und Regensachen gründlcih zerfetzt. Und das Funkgerät, ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, bekommen sie nicht zum Laufen. Dabei handelt es sich bei Jim und Roy nicht um blauäugige Städter; die Familie hatte früher schon in Alaska gelebt, und auch der Junge ist in der Lage, mit einem Gewehr, einem Messer, Angeln, einer Axt umzugehen, er ist das Leben im Freien gewöhnt.

Als wäre all das noch nicht albtraumhaft genug, muss sich Roy nachts dann das Wimmern und Weinen seines Vaters anhören. Bald reicht das nicht mehr, und Jim jammert Roy nachts die Ohren damit voll, dass er es ohne weibliche Gesellschaft nicht aushält, dass er seine Frau wiederholt betrogen habe.

Und dann kommen die Unfälle. Ist Jim wirklich von der Klippe gestürzt oder doch eher gesprungen?

Beim Lesen wurde die Beklemmung immer massiver. Wie kann ein Vater so etwas seinem Kind nur antun, so krank er auch sein mag? Wie kann er ihn all dem Psychomüll aussetzen, von der elementaren Überlebensfrage ganz abgesehen? Die Spannungen zwischen Vater und Sohn, die sich auch in einer Umkehrung des eigentlichen Fürsorgeverhältnisses zeigen, haben mich immer wieder dazu gebracht, kurze Lesepausen einzulegen um wieder zu Atem zu kommen. Und dann, am Ende des ersten Teils, dar Moment, der so schrecklich ist, dass es danach nichts mehr geben kann.

Entsprechend war dann dieser zweite Teil, der gelebte Albtraum des Vaters, für mich nicht annähernd so intensiv und glaubhaft wie die erste Hälfte.

Wenn man dann bedenkt, dass "Im Schatten des Vaters" nur eine der Erzählungen ist, die im Original unter dem Titel "Legend of a Suicide" erschienen ist, mit denen David Vann den Selbstmord seines Vaters verarbeitet hat, dann fühlt man sich als Leser vielleicht auch ein wenig darum betrogen, diese Erzählung nicht im größeren Zusammenhang mit den restlichen Texten lesen zu können.

David Vann berichtet, dass sein Vater ihn, als David dreizehn war, um genau so ein Jahr in der Wildnis gebeten hatte - und kurz darauf Selbstmord beging. Es ist sein Gedankenexperiment - was, wenn er mitgegangen wäre? Hätte er ihn retten können?

Ich fand den ersten Teil der Erzählung trotz mancher logischer Mängel (warum zB gibt es keine Kommunikation zwischen Mutter und Sohn, trotz funktionierendem Funkgerät? Warum unternimmt niemand etwas, als es den versprochenen Urlaub nicht gibt usw) beeindruckend dicht und beklemmend erzählt. Während zu Beginn die Umwelt als feindliches Element wahrgenommen wird, verlagert sich die Ursache der Gefahr mehr und mehr auf die Instabilität des Vaters.

Meine Lesefreude wurde dann durch die zweite Hälfte leider etwas gemildert. Jims Albtraum nach dem Ende des ersten Teils - das ich nicht verraten möchte, auch wenn das in unzähligen Rezensionen schon geschehen ist, weil ich zukünftigen Lesern wünsche, dass auch sie davon so überrascht werden wie ich es wurde -, sein Abdriften in den Wahnsinn, haben mich wesentlich weniger interessiert.

Ein Autor, den ich auf jeden Fall im Auge behalten werde.

David Vann

David Vann, 1966 auf Adak Island/Alaska geboren, ist in Ketchikan/Alaska aufgewachsen. Zur Zeit lebt er in Kalifornien und ist Professor an der University of San Francisco. Er ist Autor der Denkschrift A Mile Down: The True Story of a Disastrous Career at Sea, die ein Bestseller in den USA war, und schreibt u. a. für The Atlantic Monthly, Esquire, The Sunday Times und Outside.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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