Anna Dankowtsewa - So helle Augen

Originaltitel: Sag v levo
Krimi. Diogenes 2001
200 Seiten, ISBN: 3257062842

Eigentlich war Gurko schon seit langem in Pension; sein Dasein ein Polizeimajor, der sich durch seinen Instinkt einen guten Ruf erarbeitet hatte, war lange vorbei. Heute gab es für ihn vor allem die Tiere; seltsame, exotische Tiere, die von ihren Besitzern bei ihm zur Pflege abgegeben wurden, während sie irgendwo Urlaub machten.

Aber als er erfahren muss, dass Irischka, das junge Mädchen aus der Wohnung nebenan, grausam ermordet wurde, weiß er: diesen Mann muss er finden. Denn Irischka war für ihn und seine Frau mehr als eine Nachbarin; sie war das Kind, dass sie beide nie haben konnten, die Tochter, die sie abgöttisch liebten. Und in deren Tod sie so gar keinen Sinn sehen konnten.

Xenia dagegen war noch weit entfernt von Ruhestand; ihre Karriere als Psychoanalytikerin war gerade auf ihrem Höhepunkt, sie reiste häufig ins Ausland, war gefragt, ihr Terminkalender voll; kein Platz mehr für einen neuen Patienten. Erst recht nicht, wenn dieser sie auf der Straße anspricht, sie zu Tode erschreckt. Aber als eine alte Freundin sie um einen Gefallen bittet, ihr als Gegenleistung einen umständlichen Behördengang erspart - da willigt sie ein, sich zumindest ein einziges Mal mit deren Bekannten zu treffen. Und ist schockiert, festzustellen, dass es genau dieser Mann ist, der sie erst vor kurzem angesprochen hatte! Nachdem der erste Schock verwunden ist, merkt sie aber, dass dieser Patient sie fasziniert. Er könne kein normales Verhältnis mit Frauen eingehen, schildert er sein Problem. Und erzählt, was er schon alles dagegen unternommen, welche Bücher er gelesen hätte. Ein perfekter Patient, aufgeschlossen, intelligent - Xenia ist berauscht, widmet ihm immer mehr von ihrer Zeit. Gleichzeitig, ohne es wirklich zu merken, steigert sich aber auch ihre Angst; das Gefühl, immer wieder einer Gefahr nur knapp entronnen zu sein, wird immer stärker, ohne dass sie oder ihr Mann es wirklich ernst nehmen.

Dann passiert wieder ein Mord. An einer von Xenias Patientinnen. Ein Mord, der nicht zu den übrigen zu passen scheint, der vom Muster abweicht. Aber bald ist klar, wer das nächste Opfer sein wird ...

Neben der Krimihandlung, die zwar nicht superoriginell, ausgefeilt und bahnbrechend war, aber solides Handwerk präsentiert, hat mich an diesem Buch vor allem eines angesprochen: die Schilderung des Alltags in Moskau. Fernab von den üblichen Klischees des antriebslosen, melancholischen Russen, der seiner Zeit meilenweit hinterherhinkt und sich hauptsächlich von Wodka ernährt, wird hier das Bild einer modernen, hektischen Metropole gezeigt, mit ihren Staus, den alltäglichen Problemen. Gut, die Protagonisten entstammen alle einer gutverdienenden Gesellschaftsschicht, aber dennoch erschien mir das, was mir hier geschildert wird, sehr realistisch. Natürlich gibt es auch hier Vitamin B, wenn zum Beispiel Xenia ihr Auto anmelden will; aber was mich an so vielen Büchern nervt, das Gefühl, nur das serviert zu bekommen, was man erwartet, das wurde mir hier völlig erspart.

"So helle Augen" ist der erste Teil eines Zyklus, in dem jeweils eine andere Freundin (Xenia, Vera und Marina) die Hauptrolle spielen soll; und wenn die Autorin so weitermacht, wissen wir, worauf wir uns bereits freuen können: gute, spannende Bücher, genau das Richtige für einen gemütlichen Leseabend.

Anna Dankowtsewa

Anna Dankowtsewa, geboren 1961 in Tambow, Zentralrussland. Sie verbrachte ihre Kindheit mit ihrer Familie in Weimar. Sie studierte Informatik und schloss eine Theaterschule ab. Von 1987 - 95 arbeitete sie m Moskauer Theater Eremitage als Assistentin des Direktors. Ihre ersten Bücher, die 1995 erschienen, waren Abenteuerromane und populärwissenschaftliche Bücher für Kinder. 1996 - 98 arbeitete sie als Kinderbuchlektorin und als freie Mitarbeiterin für verschiedene Magazine. Seit 1998 ist sie Redakteurin bei "Radio Liberty" in Moskau. Derzeit schreibt sie an ihrem dritten Roman

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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