Originaltitel:
Roman. Zsolnay Verlag 2012
208 Seiten, ISBN: 3552061819

Mit Mitte dreißig hat Frau schon die eine oder andere Beziehung hinter sich und so manche Illusion verloren. Der Traum vom Prinz auf dem weißen Pferd, der seine Prinzessin auf Händen trägt, wird meist als erstes gegen ein realistischeres Bild eingetauscht. Kein Wunder, dass Judith es kaum glauben kann, als der Mann, den sie im Supermarkt kennen gelernt hat, auf einmal genau damit anfängt: sie auf Händen zu tragen. Jeden Wunsch erfüllt er ihr, noch bevor sie ihn selbst denken konnte - und wird ihr damit immer unheimlicher. Bald fühlt sie sich erdrückt von so viel Aufmerksamkeit und wünscht sich ihre Freiheit zurück. Doch die ist nicht so einfach zu haben…
Judith ist Mitte dreißig und mehr oder weniger überzeugter Single. Sie hat es sich in ihrem Leben gut eingerichtet, hat das Lampengeschäft ihrer Eltern übernommen, hat einen netten Freundeskreis, und das bisschen Liebe, das ihr fehlt, quält sie nicht allzusehr.
Kein Wunder, dass sie den Mann, der ihr an der Käsetheke des Supermarkts schmerzhaft den Einkaufswagen in die Hacken stößt, als Bewerber um den Posten als strahlender Ritter nicht ganz ernst nimmt. Er begegnet ihr zwar schon kurze Zeit später erneut, und ist ganz offensichtlich von ihr fasziniert - so fasziniert, dass das Lehrmädchen sofort erkennt, dass dieser Mann wohl "volle" auf die Chefin stehe.
Bald schon hat er sich in Judiths Leben eingepasst. Sie sieht ihn täglich. Er lernt ihre Freunde kennen - die hingerissen sind von ihm. Er lernt ihre Familie kennen - und zeigt sich als der perfekte Schwiegersohn. Nur Judith selbst fühlt sich langsam nicht mehr wohl mit ihm. Sie hat keine Chance, ihn auch mal zu vermissen, sie hat das Gefühl, ihr Leben entgleite ihr und werde zu seinem. Außerdem: der Sex ist… nun, ist einfach nur Sex. Nichts vom Endorphinrausch, den sie sonst in der Anfangsphase einer Verliebtheit erlebt hatte. Und manchmal beschleicht sie das Gefühl, dass sie sich eigentlich nur an seiner Begeisterung berauscht
Dann kommt Venedig. Traum aller Verliebten. Er hat alles bis ins Detail für sie geplant - und am Ende der Reise weiß sie es genau: sie will nicht mehr. Gar nicht mehr. Sie will sich trennen. Im Guten, er hat ihr ja schließlich nichts getan, im Gegenteil…
Es ist schwierig, der schuldige Part in einer Trennung zu sein. So schwierig, das Judith erst auch gar nicht mit ihren Freunden darüber sprechen mag. Und als sie es doch endlich wagt merkt sie: sie kommt zu spät. Hannes hat seine Version der Geschichte schon verbreitet, und die sieht ganz anders aus als ihre. Und er hinterlässt ihr Nachrichten, sie fühlt sich immer weniger sicher in ihrer Umgebung - bis sie Gespenster sieht…
Der Ansatz des Buches ist eigentlich sehr charmant. Eine Liebeskomödie, die von der anderen Seite her aufgezäumt wird - es geht nicht um die kleinen Geplänkel auf dem Weg zur Beziehung, auch nicht um die Diskrepanz zwischen weiblichen Erwartungen und männlichem Pragmatismus (die geneigten Leser mögen mir bitte diese Pauschalisierung verzeihen, aber in der Welt der Beziehungsanbahnungsromane sind sie nicht ganz fehl am Platz). Hannes macht ja alles richtig! Dass das dann auch wieder nicht dem entspricht, was Frau so wünscht, hat eine sehr heitere Komponente, die man aber meiner Meinung nach im Buch noch stärker hätte ausbauen können.
Aber das ist ja nur der Anfang. Denn nun wandelt sich das Buch und wird zu einer Art Psychothriller. Oder möchte gerne etwas in der Art werden. Hannes wird Judith immer unheimlicher, seine Aktionen - und dann sein Nicht-Handeln - bestimmen immer mehr ihr Denken und Fühlen. Und während man als Leser erst denkt "wie krank" und damit Hannes meint, passt das Etikett bald auf Judith, und ab da war mein Wohlwollen mit dem Roman eigentlich deutlich gesunken. Was dann noch folgt um die Fäden aufzulösen ist für jemanden, der auch ab und an den einen oder anderen Krimi oder Psychothriller liest nur schwer ernstzunehmen. Zu wenig ausgearbeitet, zu unplausibel lautet mein Urteil dafür.
Ja, ich bin in dieser Hinsicht ein mäkeliger Leser - daher werden das bestimmt andere Leser anders sehen, sich im Gegenteil vielleicht an der einen oder anderen überraschenden Wendung erfreuen und amüsieren. Bei mir bleibt ein leises Unbehagen zurück. Ich freue mich, dass der Autor sich nach seinem großen Erfolg nicht auf die Liebeskomödie beschränken wollte, aber für mich ist der Versuch nicht ganz geglückt. Auf ein nächstes Mal.
Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig und schreibt für die Tageszeitung Der Standard.
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