Jim Crace - Die Versuchung in der Wüste

Originaltitel: Quarantine
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2001
320 Seiten, ISBN: 3442727103

"Wir lassen dir alles Nötige hier" versichern die Angehörigen der Karawane Miri, bevor sie sie mit ihrem sterbenskranken Mann in der Wüste zurücklassen. Für sie gibt es keine andere Wahl, als für ihn zu singen, ihn zu pflegen und zu beten, dass das Fieber von ihm weichen möge. Doch die Männer der Karawane konnten es sich nicht leisten, dass er eventuell jetzt noch stürbe - das hieße doch, die lange Trauerzeit einzuhalten. Ein Ansinnen, das einfach nicht finanzierbar wäre.

So lassen sie Miri hochschwanger mit ihrem Mann zurück - den diese, wenn sie es wagt, sich die Wahrheit einzugestehen, am liebsten schon tot sähe. Er hatte ihr ja auch eine wirklich harte Zeit bereitet, seit sie mit ihm verheiratet war, hatte sie geschlagen und gedemütigt, und trotzdem hatte sie nun keine andere Wahl, als bei ihm zu bleiben und ihn zu versorgen.

Als sie es gar nicht mehr ertragen konnte, machte sie sich auf in die Wüste, um schon ein Grab für ihn zu graben. Doch als sie zurückkam, fand sie nicht etwa eine Leiche vor - sondern einen Musa, der sich deutlich auf dem Weg der Besserung befand. Ein Fremder wäre hier gewesen, hätte von seinem Brot und Wasser genommen, und ihn geheilt - ein Fremder, wie die anderen 4 Pilger, die sich in den Höhlen zurückgezogen hatten, um 40 Tage lang zu fasten.

Miriams Wunsch war am einfachsten zu fassen und wohl trotzdem am schwersten zu erfüllen: ein Kind wollte sie endlich gebären, bevor ihr Mann sie verstoßen würde... und hoffe, hier in der Wüste ein Zeichen von Gott dafür zu erhalten.

Doch die Pilger sollten sich nicht nur mit Hitze und Entbehrungen herumschlagen müssen - sie kamen auch noch an Musa. Und dieser behauptete, die Höhlen, ja, das ganze Land würde ihm gehören, und verlangte entsprechenden Tribut.

In kurzer Zeit schon waren alle unter seiner Gewalt. Obwohl er immer noch sehr hinfällig war, schon alleine aufgrund seines Gewichts kaum laufen konnte, schaffte er es doch, die kleine Menge unter seiner tyrannischen Kontrolle zu behalten.

Nur einer der Pilger war immun gegen die Schmeichelreden Musas; er hatte sich die unzulänglichste Höhle ausgesucht, sich völlig auf sich selbst zurückgezogen und wartete nun auf ein Zeichen von Gott...

Ein realistischeres Bild von der Zeit, in der Jesus sich in die Wüste zurückgezogen haben will, zeichnet Jim Crace hier - einen Jesus, der ohne Nahrung in ein tiefes Koma fällt und nach 30 Tagen stirbt, und vor allem der despotischen Macht eines einzelnen über eine Gruppe. Immer wieder ist man hier versucht, den anderen zuzurufen: ihr seid doch viel stärker als dieser eine, wehrt euch!

40 Tage Wüste, spirituelle Erneuerung - das verspricht der Titel und auch der Klappentext. Leider trifft nichts davon zu. Der Autor führt zwar vor, dass die biblischen 40 Tage Wüste gar nicht unbeschadet überstanden werden können, er lässt seinen Jesus auch ein religiöser Spinner sein, der an seiner Sturheit stirbt; er zeigt auch, dass durch Hunger und Entbehrungen die Bereitschaft, Visionen zu sehen deutlich zunimmt, aber es bleibt alles sehr stark an der Oberfläche.

Zudem ist es auch stilistisch eine echte Lesequal - ein Stilmischmach, moderne Sprache gemischt mit sehr verquaster, wohl der Erzählzeit angepasster Wortwahl und Satzkonstruktion.

All das würde man für eine gute Story ja noch ertragen - aber die wird hier nicht geboten. Die Inhaltsangabe klang deutlich verlockender als das Buch selbst - definitiv keine Empfehlung

Jim Crace

Jim Crace wurde 1946 geboren und gehört zur ersten Garde britischer Schriftsteller. Für seine sieben Romane, die in 14 Sprachen übersetzt wurden, erhielt er alle bedeutenden angelsächsischen Literaturpreise

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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