Patricia Cornwell - Blinder Passagier

Originaltitel: Black Notice
Krimi. Hoffmann & Campe 2001
431 Seiten, ISBN: 3442439043

Benton ist tot. Unwiderruflich. Tot. Und trotzdem ist da dieser Brief, den er schon einige Zeit vorher geschrieben und seinem besten Freund anvertraut hatte - damit dieser ihn Kay Scarpetta kurz vor Weihnachten geben sollte. Um sie wissen zu lassen, dass er sie über den Tod hinaus liebte. Um sie aufzurütteln, sie ins Leben zurückzuholen. Denn was passieren würde, hatte er geahnt: dass sie sich in ihrer Arbeit verschanzen und niemanden mehr wirklich an sich ranlassen würde.

Er hat recht mit seiner Vermutung. Und als Kay Scarpetta zu einem Mordschauplatz gerufen wird, merkt sie erst, wie wenig sie in der letzten Zeit von ihrer Umgebung wahrgenommen hat. Am Tatort findet sie plötzlich statt ihren vertrauten Freund bei der Polizei, Marino, eine attraktive junge Frau vor, die zwar sehr selbstbewusst auftritt, aber ermittlungstechnisch keine rechte Hilfe ist. Marino kommt etwas später - und er kommt in Uniform. Seit einem Monat muss er wieder Streifendienst machen, erzählt er ihr - und das alles, weil er eine neue Vorgesetzte hat. Bray. Eine Frau, die ihre biologischen Waffen gekonnt einzusetzen weiß - und die nicht sehr viel von weiblicher Solidarität zu halten scheint.

Dass Marino nicht der einzige ist, den sie aus dem Weg haben will, merkt Kay dann auch endlich; als sie feststellt, dass es da jemanden gibt, der ganz gezielt gegen sie Intrigiert. Ihre Mails werden gelesen, Anweisungen in ihrem Namen erteilt. Inkompetenz soll ihr damit nachgewiesen werden. Ganz verständlich - wer könnte schließlich schon einen Schlag wie den, Benton zu verlieren, so einfach verkraften?

Kay muss an drei Fronten zugleich kämpfen; gegen Bray, um ihre Nichte Lucy - und gegen den seltsamen Mörder, der die Stadt unsicher macht und sich selbst als Wehrwolf bezeichnet...

Auch wenn einige der geschilderten Szenen mir ehrlich gesagt zu brutal, zu blutrünstig waren - spannend war dieser Krimi auf jeden Fall. Wobei mich persönlich weniger die konkrete Ermittlung gegen diesen seltsamen Wehrwolf interessiert hat, sondern der Kampf Kay Scarpettas gegen die Intrigen aus den eigenen Reihen. Was hier an interner Politik läuft, was alles manipuliert werden kann, wie einfach man das Vertrauen seiner Mitmenschen verlieren kann - das alles ist interessant nachzuvollziehen. Auch die forensische und pathologische Arbeit wird hier auf eine unaufgeregte, sachliche Weise geschildert, die den Ablauf sehr glaubhaft erscheinen lässt. Entgegen sensationslüsterner Schilderungen wie sie mir zum Beispiel in Jeffery Deavers "Insektensammler" auf die Nerven gegangen sind, wird hier ganz nüchterner Arbeitsalltag geschildert, wird mit wissenschaftlichem Interesse erforscht, was es denn an Details geben könnte, die dem Täter zum Verhängnis werden könnten. Ganz gegen meine Erwartungen hatte mich diese Arbeitsschilderung wirklich außerordentlich gefesselt.

Dass insgesamt gesehen für mich ein paar Details unglaubwürdig wirkten, wie eine Einladung nach Frankreich, die letztendlich zur Überführung des Täters führte, oder der typisch amerikanische Show-Down, schmälerte den Lesegenuss zwar ein wenig - aber dennoch: ich habe mich für einige Stunden sehr gut unterhalten.

Patricia Cornwell

Patricia Cornwell wurde 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin, bevor sie für ihre Thriller um Kay Scarpetta vielfach preisgerkönt wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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