Martha Cooley - Der Archivar

Originaltitel: The Archivist
Roman. List Verlag 1998
349 Seiten, ISBN: 3612650114

Er hat sich in seinem einsamen Leben eingerichtet - Matthias, der Archivar. Sein Leben sind die Bücher, die gelesenen, die, die er in der Universitätsbibliothek betreut. Er ist zufrieden mit diesem Leben. Mit der Ruhe, die er dadurch gewonnen hat. Eine junge Studentin stört ihn in dieser Selbstgenügsamkeit. Sie will an ein Vermächtnis herankommen, das noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist: die Briefe, die T.S. Eliot an Edith Hale geschrieben hat, seine langjährige Vertraute.

Es ist nicht die Sensationslust, die die Studentin Roberta antreibt, diese Briefe unbedingt zu lesen. Sie erhofft sich, durch das Lesen dieser Briefe etwas aus ihrem eigenen Leben zu verstehen. Wie Eliot haben auch ihre Eltern im Erwachsenenalter die Religion gewechselt; Roberta hat es jetzt erst zufällig erfahren, dass ihre Eltern den Krieg nur mit viel Mühe überlebt haben, dass sie damals verfolgte Juden waren, dass ihre Großeltern in den Konzentrationslagern getötet wurden.

Das alles erzählt sie Matthias bei wiederholten Versuchen, ihm die Erlaubnis für die Durchsicht der Briefe abzuringen. In ihrer Qual und Zerrissenheit erinnert sie Matthias an seine Frau Judith.

Judith und Matthias hatten sich kurz vor Ende des Krieges kennen gelernt und sofort geheiratet. Nach dem Krieg kommen langsam immer mehr grausige Fakten ans Tageslicht. Judith, ebenfalls Jüdin, identifiziert sich immer stärker mit den Gefühlen der Opfer, mit ihrer Religion - und die grundlegenden Unterschiede in ihren Religionen beginnen, das Ehepaar zu entzweien. Judith fängt an, ihrerseits ein Archiv anzulegen. Ein Archiv mit den Berichten Überlebender - und jede Schuld und Scham, die den Berichten inne wohnt, spürt sie, wird davon gequält. Es ist die Scham der Überlebenden, die nicht damit fertig werden, dass sie überlebt haben. Alkohol, Depressionen - sie macht Matthias Angst.

So viel Angst, dass er sie in eine psychiatrische Klink bringt. Weit weg, abgeschirmt, so hofft er, von den beunruhigenden Nachrichten, die sie so sehr aufwühlen. Nachrichten, die sie trotzdem erhält. Und die mit ihrer eigenen Geschichte zu tun haben - denn auch sie ist ein Mensch, der von Kindheit an um die eigene Identität belogen wurde...

Manche Bücher suchen ihre Leser, nicht umgekehrt. "Der Archivar" steht schon eine ganze Weile in meinem Regal - warum ich es ausgerechnet jetzt, noch unter dem Schock der Attentate des 11. September, zur Hand genommen habe, weiß ich selbst nicht.

Es war mir sehr empfohlen worden, dieses Buch. Im ersten Teil wurde mir nicht so recht klar, warum. Die Rahmenhandlung, die einen so großen Teil des Romans einnimmt, hat mich nämlich nicht überzeugt. So blieb mir auch sehr lange ein vage unzufriedenes Gefühl; ich konnte die Beweggründe der Studentin nicht nachvollziehen, und Matthias Anspielungen auf Ehe und Kindheit blieben mir zu vage.

Bis dann Judiths Tagebuch kam. Der Bericht einer Frau, die von ihren Liebsten verraten wurde - der so viel Angst vor ihrem Schmerz entwickelt hatte, dass er sie in die Klinik brachte. Ihr unerträglicher Schmerz, die zum Zerreißen gespannte Sensibilität gegen jedes Zeichen des Antisemitismus, erscheinen auch lange Zeit als überspannte, krankhafte Reaktion.

Aber dann kommen immer wieder Passagen, an die die jüngsten Ereignisse anzuschließen scheinen; Eichmann wird der Prozess gemacht. Er wird zum Tode verurteilt. Ein befriedigendes Urteil? Vielleicht. Aber vor allem: Zu spät. Es ist leichter, zu urteilen, nachdem der Schaden angerichtet ist, als ihn zu verhindern, etwas dagegen zu unternehmen.

In Berlin wird die Mauer gebaut. Wieder werden Menschen ihrer Freiheit beraubt, Leben bedroht. Und wieder unternimmt niemand etwas dagegen.

Und heute? Heute sitzen wir da, gelähmt vom Schock und der Angst. Und diesmal sind wir es, die uns gegenseitig beschwichtigen "es wird schon nicht so schlimm werden, es wird schon keinen Krieg geben" - so wie es schon einmal der Fall war.

Judith ist daran zerbrochen, dass niemand ihre Angst und ihren Schmerz verstehen wollte.

Martha Cooley

Martha Cooley, aufgewachsen in New Jersey, studierte Philosophie und Literatur. Bevor sie mit "Der Archivar" ihren ersten Roman schrieb, arbeitete sie zunächst etliche Jahre in Boston, Brooklyn und Washington als Journalistin und Lektorin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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