John Colapinto - Ein unbeschriebenes Blatt

Originaltitel: About the Author
Roman. Piper Verlag 2002
284 Seiten, ISBN: 3492043844

Ab wann ist man eigentlich ein Autor? Cal hat zwar noch keine Zeile veröffentlicht, und eigentlich auch noch nichts geschrieben, seit er in New York ist - aber dennoch: er hat es im Blut, er weiß es: eines Tages wird aus ihm ein großer Schriftsteller. Bis dahin sammelt er fleißig Material, treibt sich in der Stadt herum, reißt Mädchen auf - und mangels eines lesenden Publikums erzählt er seine Erlebnisse seinem Mitbewohner Stewart.

Stewart selbst konnte ja kaum von irgendwelchen Erlebnissen berichten - schließlich saß er nur permanent an seinem Schreibtisch, um pflichtbewusst sein Jura-Studium zu absolvieren. Und Nacht für Nacht war aus seinem Zimmer nur das Klackern der Tastatur seines Laptops zu hören.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als eine der jungen Frauen, die Cal abends mit nach Hause brachte, sich als Langfinger erwies - ab diesem Zeitpunkt war es das Klappern der mechanischen Schreibmaschine, das Cal in den Schlaf wiegte. Doch was Stewart dann präsentierte, was er in nächtelanger Arbeit geschaffen hatte, drohte Cals ganzes Lebensgerüst einzustürzen: Der langweilige, spießige Stewart hatte nicht nur an seinem Jurastudium gearbeitet - sondern ganz nebenbei noch einen Roman geschrieben. Einen großartigen, fabelhaften Roman - und zwar aus den Geschichten, die Cal selbst ihm sonntag morgens im Frühstückszimmer erzählt hatte.

Dass Stewart dann ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt an einem Verkehrsunfall starb, schien ein Wink des Schicksals zu sein - das Manuskript an sich zu nehmen war daraus nur die logische Konsequenz. Und nun, da es schon mal in Cals Händen war, und er doch eigentlich auch den Stoff zu diesem Roman geliefert hatte, schien es nur folgerichtig, ihn auch zu veröffentlichen.

Aber da gibt es noch ein paar Hindernisse. Stewart hatte sein Manuskript kurz vor seinem Tod an eine Frau geschickt, die er offensichtlich sehr liebte - und die ein Plagiat sofort erkennen würde. Außerdem gibt es ja immer noch den gestohlenen Laptop...

Nein, ein Unschuldslamm ist Cal wahrlich nicht. Aber ein richtiger Bösewicht auch nicht. Das Manuskript eines Verstorbenen an sich zu nehmen - sicher strafbar, moralisch verwerflich, aber andererseits: auch verständlich. Und so schlittert er weiter in dieser Kurve: Postraub, Erpressung, Drogenschmuggel.... aber dennoch wird er nie richtig zum Bösewicht.

Wie Cals Agent in dem Buch ja auch sagt: Bitte, denk beim Schreiben an die Verfilmung! Du kannst doch nicht erwarten, dass ein Superstar wie Tom Cruise einen Mörder spielt.

So vorhersehbar der Plot bei all seinen Wendungen auch bleibt - was wirklich Spaß macht, ist die Ironie, die immer wieder herrlich durchblitzt, wenn der Autor seine Themen immer wieder variiert; sei es die Gewinnung einer Frau durch die Fertigstellung eines Romans, das immerhin zweimal vorkommt, und beide male zum Erfolg führt, wenn auch nicht immer zum erwarteten, oder auch die kleinen Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb - in diesen Punkten lässt der Autor seinen Schalk spielen, und das ist seine große Stärke.

Spannung aufzubauen klingt ihm im Vergleich dazu nicht so gut; als Vielleser wurde ich einfach nicht mehr überrascht. Aber dennoch: eine kurzweilige Liegestuhllektüre.

John Colapinto

John Colapinto, geboren 1959 in Toronto, lebt als freier Schriftsteller und Journalist in New York. Er schreibt unter anderem für Vanity Fair, Esquire und Rolling Stone.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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