Jonathan Coe - Allein mit Shirley

Originaltitel: What a Carve Up
Roman. (englischsprachiger Verlag) 1994
501 Seiten, ISBN: 0140294562

Ein kleiner Skandal ließ sich nicht vermeiden, als 1961 nach einer Familienfeier der Winshaws ein Mann in Lawrence Winshaws Schlafzimmer eindrang - und von diesem dann getötet wurde. Geplant war es offensichtlich anders, und dass dabei die verrückte alte Tante Tabitah ihre Finger im Spiel hatte, war für die Familienmitglieder klar. Immer noch hing sie an der wahnwitzigen Vermutung an, Lawrence hätte während des zweiten Weltkriegs dafür gesorgt, dass das von seinem jüngeren Bruder geflogene Flugzeug über Deutschland abgeschossen wurde.

Währenddessen feierte Michael seinen Geburtstag im Kino; eine Verwechslungskomödie, "What a Carve Up!", die ihn und offensichtlich auch seinen Vater und Großvater faszinierte, seine Mutter aber erboste. Erst als Erwachsener sollte er das Ende des Filmes sehen, der seither immer in seinen Gedanken präsent war.

Anfang der Neunziger treffen wir Michael dann wieder. Eigentlich ist er seit drei Jahren damit beschäftigt, eine Biographie der Winshaws zu schreiben; eine Auftragsarbeit, die so gut bezahlt ist, dass er dafür tatsächlich seine literarischen Ambitionen vorerst ad acta gelegt hatte. Doch seit einiger Zeit hatte er auch an dieser Biographie nicht mehr weitergeschrieben; um die Wahrheit zu sagen, hatte er außer Video gucken in der letzten Zeit überhaupt nichts mehr gemacht.

Aus diesem Trott werfen ihn der plötzliche Besuch seiner Nachbarin - und ein Fernsehinterview mit Saddam Hussein, das ihn an seine Notizen erinnert. Zwei Kolumnen hatte er darüber gelesen, beide von der selben Frau, kurz hintereinander in derselben Zeitung abgedruckt: Hilary Winshaw.

Die Winshaws waren immer schon ziemlich präsent gewesen, doch die junge Generation hatte sich in wesentlichen Bereichen des öffentlichen Lebens mittlerweile eine Schlüsselposition gesichert; Hilarys Name war in der Medienlandschaft ein Begriff, so wie man die Winshaws auch im Bankenbereich, in der Landwirtschaft, Politik und im Gesundheitswesen kannte. Weniger bekannt war hingegen die Verwicklung in internationale Waffengeschäfte, die ebenfalls von einem der Winshaws mit Hilfe seiner illustren Verwandtschaft ganz diskret und äußerst lukrativ abgewickelt wurde.

Im Laufe seiner Nachforschungen war Michael auf viele der kleinen Geheimnisse der Familie gestoßen - offensichtlich, wer sollte sein Manuskript sonst stehlen! Dass er selbst viel tiefer in die Familiengeschichte verwickelt ist, als er glaubt, sollte er bald darauf herausfinden...

Nach den beiden Teilen des Prologs konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, welches Buch mich hier erwartet. Zwei Teile, die nichts gemein haben, deren Verbindung man vergeblich sucht - und die sich am Ende doch auf sehr vergnügliche Weise vermengen.

Wechselweise wird die Geschichte eines der Familienmitglieder und Michaels Weg während der Nachforschungen erzählt; dabei repräsentiert jedes Mitglied der Winshaws einen anderen Zweig der Gesellschaft. Sie bleiben zwar sehr stereotyp, diese Familienmitglieder, sind Prototypen dessen, was sie verkörpern - aber gerade deshalb sind diese Schilderungen so wunderbar zu lesen.

Sehr genau beobachtet, mit einem untrüglichen Gespür für Situationskomik führt der Autor uns hier erst in die Medienwelt ein; wir erfahren, wie Hilary überhaupt in diesen Berufszweig kam, welcher unsauberen Mittel sie sich bediente, um nach oben zu kommen, wie brutal sie Leute aus ihrem Job drängte (eine herrliche Szene, wie sie um ein Gespräch mit dem bisherigen Leiter bittet, um ihn dann ganz nebenbei darauf aufmerksam zu machen, dass sein Büro gerade ausgeräumt wird - und ihm die Kündigung in die Hand drückt...) - durchaus nicht realitätsfremd. Aber noch aufmerksamer wird man dann, wenn man sie über ihre Kolumnen sprechen hört, die wöchentlich ein Millionenpublikum beeinflussen - "It´s only a bit of junk for the newspapers, you know. I don´t write it on tablets of stone. Besides, that column has literally millions of readers. You don´t think I´d share my beliefs - anything that was actually mine - with all those people, do you?"

Ähnlich zynisch wird auch mit der Kunstszene abgerechnet, und wenn man liest, wie Dorothy Winshaw die Hühneraufzucht industrialisiert, möchte man am liebsten nie wieder Hühnerfleisch essen.

Und wenn man dann zu den Kapiteln kommt, die sich mit Waffenhandel und anderen Abkommen hinter verschlossenen Türen befassen, dann merkt man, wie brandaktuell dieses Buch jetzt wieder ist - denn was hier vor 10 Jahren zum Thema Irakkrieg gesagt wurde, ist aktueller denn je. Man wird wieder einmal auf ein paar Hintergründe aufmerksam, die man in der letzten Zeit gerne aus den Augen verloren hat, weil im Zusammenhang mit dem Irak vor allem die USA im Rampenlicht standen - was aber Europa sich hier geleistet hat, kann man ansatzweise in diesem Buch nachlesen.

Das ist nämlich Coes ganz besondere Stärke: er verpackt Zeitgeschichte in eine rasante, bissig-witzige Tragikomödie. Einzig das Schlusskapitel war für mich ein Grund, warum es dann doch kein "besonderes" Buch für mich wurde; dieser filmhafte Showdown lässt die heißen Themen zu Slapstickeinlagen schrumpfen, und das hat das Buch nicht verdient. Dabei ist auch dieses Ende durchaus gut gemacht, passt von der Logik her perfekt zum Buch, verknüpft alle Fäden, die noch lose waren, auf perfekte Weise.

Jonathan Coe ist in meinen Augen hierzulande noch viel zu wenig bekannt - das sollte sich ändern! Dieses Buch hier hat alles, was gute Lektüre braucht, und ich empfehle es wärmstens weiter.

Jonathan Coe

Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Er ist heute ein Star der Londoner Literaturszene; sein preisgekrönter Roman "Allein mit Shirley" wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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