Jonathan Coe - Erste Riten

Originaltitel: The Rotters Club
Roman. Piper Verlag 2002
448 Seiten, ISBN: 3492043704

Birmingham in den 70er Jahren: das sind Schlaghosen, Muisk, Streiks, Gewerkschaften - eine unruhige Zeit voller Umbrüche. Das ist die Zeit, in der Benjamin, Philip, Claire und Doug, die Hauptakteure dieser Geschichte, langsam erwachsen werden. Sie besuchen eine gute Schule, auch wenn sie aus unterschiedlichen sozialen Schichten kommen; während Ben´s Vater als leitender Angestellter tätig ist, kämpft Doug´s Vater an der Spitze der Gewerkschaft in ebendieser Firma für gerechtere Arbeitsbedingungen.

Streik, Arbeitskämpfe, Massenentlassungen: daran kommt man auch nicht vorbei, wenn man jung ist und sich eigentlich nur für Musik, sich selbst und darum kümmern möchte, wie man auf das andere Geschlecht wirkt. Oder wie die Schulaufführung des "Othello" zu bewerten ist; mit der bildhübschen Cecily in der Hauptrolle, die Benjamin aus der Ferne anbetet, und dem einzigen Schwarzen an der Schule in der Rolle des Mohren.

Eifersüchteleien, Familientragödien und das zarte Wachsen von Freundschaften, die Bestand haben - langsam werden die vier erwachsen. Und der Leser darf sich auf den nächsten Band freuen, der in der Generation danach einsetzt.

Das, was diesen Roman für mich zu einem richtigen Pageturner gemacht hat, ist neben den lebendig geschilderten Unsicherheiten und Fragen, die jung sein mit sich bringt, vor allem eines gewesen: hier entsteht beim Lesen auf jeder Seite eine Welt wieder, die ich eigentlich nicht kenne: England in den 70er Jahren. Mit all den Themen, die die Menschen damals beschäftigt haben.

Als wär man selbst dabei gewesen, als würde man die Zeit wirklich kennen, so geht es einem nach dem Lesen dieses Buches. Dass es nebenbei auch noch unheimlichen Spaß macht, die Geschicke der vier Familien zu verfolgen, manchen komischen Dialog zu lesen, heimlich eine Träne zu vergießen - nun, das trägt natürlich auch dazu bei, dass "Erste Riten" zu einem Buch geworden ist, das ich uneingeschränkt weiterempfehle.

Jonathan Coe

Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Er ist heute ein Star der Londoner Literaturszene; sein preisgekrönter Roman "Allein mit Shirley" wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©07.04.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing