Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Originaltitel: Le lièvre de Patagonie, Mémoires
(Auto)Biographie. Rowohlt Verlag 2012
682 Seiten, ISBN: 3499626195

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten.

Ich hatte von diesem Roman bei Erscheinen einen Ausschnitt gelesen, der im Spiegel abgedruckt wurde - das Gespräch mit dem Friseur von Treblinka, es hat mir Gänsehaut verursacht und ich wusste: dieses Buch will, ja, muss ich lesen. Als es dann in einer Leserunde vorgeschlagen wurde, war der Zeitpunkt gekommen. Voller Vorfreude begann ich zu lesen. Doch was war das? Von der Guillotine berichtet er, von seiner Angst und Faszination, srpingt quer durch das 20. Jahrhundert mit seinen Assoziationen und spart vor allem nicht mit unendlich überflüssigen Details.

"Ich erinner mich, dass wir 1938, um die Zeit des Münchner Abkommens, zwei Reden Hitlers gehört hatten - wir lebten damals in Paris, verbrachten unsere Ferien aber in Saint-Chély d´Apcher in der Lozère bei einem republikanisch gesinnten Schuldirektor, Marcel Galtier, den ich innig liebte, weil er mir vieles beibrachte, namentlich die Fliegenfischerei in den engen, gewundenen Forellenbächen der Hochebene des Aubrac."


Besagter Marcel Galtier kommt in dem Buch nur an genau dieser einen Stelle vor, die lyrischen Ausschmückungen zeigen, wie übervoll der Autor seine Erinnerungen mit Details vollstopft, die vom Eigentlichen nur ablenken. Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich als Leserin in das Buch hineingefunden hatte; nach 100 Seiten wurden die erzählerischen Abschnitte länger, die vorkommenden Namen konnte man mehr als einmal lesen und wieder finden.

Lanzmann erzählt hier von seiner Studienzeit, den ersten Berührungen mit Sartre, vom Entschluss, für einige Zeit nach Berlin zu ziehen. Dass seinen Erinnerungen nicht unbedingt hundertrpozentig zu trauen ist zeigen auch gerade die Berlin-Erinnerungen - in der Zeit ist zu diesem Thema ein langer Artikel online nachzulesen.

Sein erster Besuch in Israel nimmt einen großen Raum ein - und ja, es ist faszinierend, den Autor bei dieser Reise zu begleiten, sein Erstaunen über die Alltäglichkeit von zB Supermärkten mitzuerleben. Die Menschen, denen er begegnet, die Offenheit und immense Neugierde auf alles, was es zu sehen gibt - doch, ja, es ist eindrucksvoll. Aber da Lanzmann sich hier in keiner Weise zurücknimmt, im Gegenteil, sich stets so selbstgefällig gibt, war auch dieser Teil der Lektüre (samt allem, was sich dann noch anschloss, das Zusammenleben mit "Castor", die Gespräche mit Sartre, die Reisen, der Algerienkrieg) für mich überschattet davon, dass ich ihm als Erzähler einfach nicht ganz vertrauen konnte.

Lanzmann setzt zudem einiges voraus. Mir sind beim Lesen sicher auch einige Zwischentöne entgangen, weil ich nicht damit vertraut bin, welche gesellschaftlichen Strömungen in Frankreich in jener Zeit aktuell waren.

Immer wieder klingt in diesen Kapiteln schon an, was dann zu Lanzmann´s Lebenswerk werden sollte: Die Entstehung des monumentalen Dokumentarfilms "Shoah". Während in den Kapiteln davor ein geradezu omnipräsenter Lanzmann das Erzählen dominiert, der Eindruck erweckt wird, Sartre wusste ohne Lanzmann nicht, was er hätte denken sollen, so macht sich hier auch literarisch nun ein Bruch bemerkbar: sobald er von diesem Film erzählt, tritt der Mensch Lanzmann hinter dem Werk in den Hintergrund. Und das ist dann auch der Grund, warum dieses Buch für mich dann doch noch außerordentliche 4 Sterne erhält. Denn diese knapp 170 Seiten, die er über den Film und die unzähligen Probleme, die es zu überwinden galt, dem Leser präsentiert, lassen alle Kritikpunkte für mich zurücktreten. Diese Passagen sollte man sich nicht entgehen lassen, und ja, es lohnt sich, dafür auch über so manches in den Passagen davor hinwegzusehen.

Claude Lanzmann

Claude Lanzmann, geboren 1925 in Paris, studierte Philosophie und war Lektor an der Freien Universität Berlin. Als Journalist reiste er unter anderem nach China und Korea und engagierte sich gegen den Algerienkrieg. Seine Dokumentarfilme «Pourquoi Israel» (1972) und «Shoah» (1985) machten ihn weltberühmt. Er ist Ehrendoktor der Hebräischen Universität Jerusalem und der European Graduate School. Claude Lanzmann lebt in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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