Christa Wolf - Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud

Originaltitel:
Roman. Suhrkamp Verlag 2010
430 Seiten, ISBN: 351842050X

Nicht immer sind die Tatsachen gegenüber den Gefühlen im Recht. Diese Erfahrung hat Christa Wolf nicht zuletzt am Tag des Mauerfalls gemacht, als der Freudentaumel sich nicht einstellen wollte. Die Ergebnisse der friedlichen Revolution, die Wiedervereinigung, entsprach dann auch nicht dem, was sie sich eigentlich für ihr Land gewünscht hatte. Mit dieser Ambivalenz und dem Gefühl, übernommen worden zu sein, steht sie sicherlich nicht alleine da. Doch ich greife vor.

Anfang der Neunziger Jahre verbrachte Christa Wolf einige Monate auf Einladung des Getty Centers in Los Angeles, vordergründig, um an einem neuen Erzählprojekt zu arbeiten. Aber eigentlich ist es eine Flucht. Der Staat, an dem sie sich gerieben hatte, in dem sie verfolgt und beschattet wurde, aber für viele Menschen als Autorität galt - dieser Staat existierte nicht mehr. (Auch wenn ihr Reisepass trotz der Vereinigung der beiden Staaten bei der Einriese immer noch gültig war, und sie ihn aus einer unbestimmten Trotzhaltung heraus auch verwenden wollte). Die Stasiakten waren öffentlich geworden, ihre eigene hatte sie erst vor kurzem eingesehen und dabei die lähmende Entdeckung gemacht, dass es in ihrem Leben eine Phase gegeben hatte, zu der sie selbst für die Staatssicherheit tätig geworden war, Berichte geschrieben hatte, als IM tätig war. Ein Vorfall, der ihr völlig in Vergessenheit geraten war, unerklärlich, beschämend, erniedrigend.

Sie weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Journalist die dünne Akte ausgräbt, und steckt doch den Kopf in den Sand, wird von den Ereignissen in ihrer Abwesenheit in Deutschland völlig überrollt. Es hat auch Einfluss darauf, wie sie hier nun wahrgenommen wird; täglich findet sie einen dicken Stapel mit Faxen in ihrem Fach, es rumort um sie herum, und erst nach und nach kann sie mit den Menschen hier, die ihr in der Zwischenzeit Freunde geworden sind, darüber reden.

Vor allem mit Peter Gutman will sie sprechen, der ihr hier zum ganz engen Vertrauten geworden ist. Er ist es auch, mit dem sie dann später am häufigsten und intensivsten darüber nachsinnen kann, was das alles in ihr auslöste.

Aber die Reflektion über ihre Konfrontation mit der IM-Zeit macht nur einen Teil des Buches aus. Sie ist in den USA, sie guckt täglich Star Treck, freundet sich mit verschiedensten Menschen an, wird vor allem auch immer wieder eingeladen zu Treffen von Deutschen, häufig der nächsten Generation, deren Eltern unter dem Naziregime gelitten hatten. Sie spürt, wie sie sich immer noch rechtfertigen muss, wie die Nachrichten vom Rechtsruck in den Ostbundesländern hier ein ganz anderes Gewicht haben.

Und immer wieder spürt sie auch den Exilanten nach, die hier in den 30/40er Jahren gelebt und gewirkt haben, die Manns, Feuchtwanger, sie liest in Manns Tagebuch, findet auch immer wieder Passagen, die tröstlich sind, weil die Geschichte sich in gewisser Weise wiederholt; auch Thomas Mann war ein Mensch, dem Respekt gezollt wurde, der "jemand war", und der nach dem Krieg mit Vorwürfen über sein Verhalten in dieser Zeit konfrontiert wurde, so habe ich diese Verbindung zumindest gelesen.

Auch die Repressionen, denen Andersdenkende in den USA ausgesetzt waren und sind, macht sie immer wieder zum Thema.

Es ist von Beginn an kein Buch, das den Leser atemlos in Bann hält. Viele kleine Alltagsskizzen werden unterbrochen von Gedankengängen, die manchmal banal wirken, sehr oft aber sowohl glänzend formuliert sind, als auch inhaltlich mein Interesse geweckt haben. Die Erzählerin in diesem Buch - die ja nicht völlig identisch ist mit der Autorin, ein Umstand, der bei mir zu einem gewissen Knirschen im Lesefluss geführt hat, weil ich die Glaubwürdigkeit mancher Passagen in Frage stellen musste - hat einen scharfen Blick und trifft auf interessante Menschen, die ihr auch Seiten der Stadt zeigen, die nicht so offensichtlich und leicht zugänglich sind. Dabei kommen immer mal wieder reizvolle Gedankengänge für mich als Leser raus.

Aber dann taucht plötzlich auch noch ein Engel auf, und sie fährt noch zu den Indianern, um dort zu sehen, wie die Menschen noch nach alten Riten leben… ja, der Gedanke drängt sich schon auf, dass es die Suche nach einer neuen Heilslehre ist, nachdem die bislang gelebte ja so gründlich gescheitert ist. Aber es war mir zu aufgesetzt, und es passte für mich auch nicht zum ansonsten sehr sachlichen Beobachten und Analysieren.

Das Buch wird unter der Gattungsart "Roman" verkauft. Das bereitet mir ein gewisses Unbehagen; denn auch wenn sie Passagen verfremdet, sich herausnimmt, Teile zu fiktionalisieren, bleibt doch zu viel von ihrer Biographie drin, als dass es Fiktion wäre - und zu viel und vor allem ja nicht kenntliche Fiktion, als dass es als autobiographisch gelten könnte.

Insgesamt bin ich sehr froh, das Buch gelesen zu haben, es hat mich bereichert und mir auch einige Aspekte der Wendezeit klarer gemacht, weil es Gesprächsanlass bot mit Menschen, die diese Zeit anders als ich erlebten. Interessant, aber sperrig.

Christa Wolf

Christa Wolf, geboren 1929, lebt in Berlin. Sie zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart; ihr umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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