Rafael Chirbes - Der Fall von Madrid

Originaltitel: La Caída de Madrid
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2000
301 Seiten, ISBN: 3888972434

General Francos Todestag. Das ist die Ausgangssituation dieses Romans.

José Ricart wird an diesem Tag 75 Jahre alt, seine Schwiegertochter bereitet eine Feier für ihn vor, einer seiner Enkel beteiligt sich an einer Studentendemonstration, der Freund des Hausmädchens ist am Vorabend beinahe der Polizei in die Hände gefallen.

Einer der wichtigsten Männer der Geheimpolizei, ein enger Freund José Ricarts, entscheidet über das Schicksal eines Mannes, der in der Nacht zuvor festgenommen worden war.

In Rückblenden erfährt man die Geschichte dieser so unterschiedlichen Menschen - des Fabrikanten, Universitätsprofessors, Hausmädchens, des Kommunisten, der wohlhabenden Studentin.

Der zu jeder Stunde erwartete Tod des Generals ruft sehr unterschiedliche Gefühle und Erwartungen hervor - von der Angst des Geheimpolizisten über die praktisch orientierten Vorsichtsmaßnahmen des Fabrikanten, den Idealen Studenten, und den hoffnungslosen Träumen des jungen Mannes aus der Arbeiterklasse.

Und das wars auch schon. So, wie meine Zusammenfassung des Inhalts zur Aufzählung von Bevölkerungsschichten geraten ist, muss ich das leider auch Chirbes´ Roman vorwerfen. Interessante Ausgangssituation, das ja. Ein Kapitel europäischer Geschichte, das wenig präsent ist.

Doch fehlt diesen Streiflichtern, auch wenn die Protagonisten alle in irgendeinem Zusammenhang zueinander stehen, eine Entwicklung, ein Handlungsstrang, der über das Erzählen der Vergangenheiten der Einzelnen hinausgeht.

Mich hat das Buch einfach nicht in seinen Bann zu ziehen vermocht; es war, trotz der teilweise wunderbar geschilderten Szenen, zu langatmig, mit zu vielen Wiederholungen. Von der nervenden Anzahl von Schlampigkeitsfehlern beim Lektorat und grammatikalischen Ausrutschern der Extraklasse will ich gar nicht erst zu erzählen anfangen.

Teilweise wurde ich an "Das Handbuch der Inquisitoren" erinnert; nur dass Antonio Lobo Antunes der unterschiedlichen Herkunft seiner jeweiligen Hauptperson auch in der Erzählsprache Rechnung trägt.

Fazit: Ein Buch, von dem ich mehr erwartet hatte. Die gewählte, schöne Sprache des Rafael Chirbes vermochte mich diesmal nur an wenigen Stellen zu überzeugen.

Rafael Chirbes

Rafael Chirbes, 1949 in Tabernes de Valldigna bei Valencia geboren, studierte in Madrid Geschichte und lebt heute als freier Publizist in Denia und in einem Dorf in der Estremadura.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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