Francois Cheng - Der lange Weg des Tianyi (früher: Regenbogen überm Jangtse)

Originaltitel: Le dit de Tianyi
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2001
472 Seiten, ISBN: 3423138181

Die Tusche für die Kalligraphien anzufertigen, die der Vater so sorgfältig herstellte, war eine von Tianyis Aufgaben als Kind; schon früh hatte der Vater ihn dann an die Kunst der Kalligraphie herangeführt, und darüber hinaus an die Möglichkeiten, die ihm durch Pinsel und Tusche offenstanden.

Der stets kränkelnde Vater stirbt früh; mit seiner Mutter löst er sich aus dem erdrückenden Familienverband, geht mit ihr ein eine andere Provinz. Zu dieser Zeit hat der japanisch-chinesische Krieg bereits begonnen, die Bevölkerung ganzer Landstriche ist in Bewegung; doch für Tianyi ist diese Zeit eine ruhige und glückliche. Das Anwesen, in dem sie unterkommen, gehört der Familie, die die Umgebung beherrscht; und die dritte Tochter des Hauses bekommt ebenso erdrückend die Vorherrschaft ihres Bruders zu spüren. Mit ihr, mit Yumei, freundet Tianyi sich an, er spürt, dass dieses Mädchen, diese junge Frau in seinem Leben für immer eine große Rolle spielen wird.

Als seine Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen kann, muss Tianyi auf ein staatliches Gymnasium wechseln. Lebensmittelknappheit, Krankheiten, Vulgaritäten und Aggression bestimmen sein neues Leben; bis er auf Haolong trifft. Dieser große, aus dem Norden stammende junge Mann hat bereits ein wechselvolles Schicksal hinter sich, und, so hofft er, eine große Karriere als Dichter vor sich. Bei aller Gegensätzlichkeit ergänzen die beiden sich auf erfüllende Weise – eine Freundschaft dieser Intensität birgt das Versprechen von lebenslänglich in sich.

Dann kommt von Yumei, der verloren geglaubten, eine Nachricht – sie wünscht Tianyi wiederzutreffen. Und er macht sich auf den Weg in die weit entfernte Provinz, wandert gemeinsam mit Haolong übers Land. Wer Chengs Schilderung dieser Wanderung liest, diese Landschaftsbeschreibungen, der sieht vor seinem geistigen Auge eine fremd-vertraute Welt entstehen. Ganz beiläufig erfährt man auch, unter welchen Bedingungen die Menschen hier leben, welchen Repressalien sie ausgesetzt sind.

Bei Yumei angekommen beginnt eine intensive Zeit zu dritt; Tianyi sieht sich mit seinen beiden Lebensmenschen vereint, spürt, dass für ihn eine Beziehung zu zweit nicht lebbar ist – und ist doch zutiefst verletzt als er feststellen muss, dass aus Yumei und Haolong ein Paar geworden ist.

Er verlässt die beiden, macht sich auf, Malerei zu studieren, verbringt eine lange Zeit in Dunhuang, um die dortigen Fresken zu kopieren. Es ist die Zeit, als der zweite Weltkrieg endet, die Menschen, die in den Westen geflohen waren, zurück in ihre Heimat wollten, Chaos ausbrach – und in der sich im Norden des Landes ganze Gebiete als von den Kommunisten befreit bezeichneten...

Auch Haolong ist, seiner Überzeugung folgend, in den Norden aufgebrochen um beim Aufbau einer neuen, freien Gesellschaft mitzuwirken, während Yumei bei Tianyis Mutter zurückblieb.

Erst nach dem Tod der Mutter sieht Tianyi Yumei wieder; trotz aller Verletzung ist sie immer noch seine Geliebte, seine Vertraute – die Zeit, ein Paar zu werden, ist für die beiden noch nicht gekommen, das fühlt er. Und als er die Chance erhält, mit einem Stipendium nach Frankreich zu gehen, nutzt er sie.

Leben in der Fremde – das Gefühl unendlicher Einsamkeit wird Tianyi in Paris zum ständigen Begleiter. Zudem spürt er, dass seine Kenntnisse der östlichen und der westlichen Malerei ihm noch nicht ausreichen, ihn künstlerisch noch nicht auf den rechten Weg führen. In all dieser Verzweiflung ist die Ankündigung eines Konzertes, in dem das Stück von Dvorak zu hören sein soll, dass ihn schon in China so aufgewühlt hatte, ein Hoffnungsschimmer. Hier lernt er dann Veronique kennen – und bald darauf auch lieben.

Aber als er von Yumei die Nachricht, dass Haolong tot sei, kehrt er Paris den Rücken und in ein völlig verändertes China zurück...

Neben dieser unglücklichen Liebesgeschichte hat dieser Roman mich vor allem durch die anrührendsten Landschaftsbeschreibungen, die ich bislang gelesen habe, fasziniert – Cheng schafft es, wirklich mit Worten zu malen, seinem Protagonisten dadurch eine grundlegende Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Chinas Kultur hat über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse integriert; im 20. Jahrhundert stammt dieser neue fremde Einfluss aus dem Westen. Anhand der Malerei weitet der Autor den Blick des Lesers durch die verschiedenen Betrachtungsweisen, durch Vorstellung der zugrundeliegenden Philosophie, ohne dabei belehrend zu wirken.

Es gibt wohl kaum ein Land, das im vergangenen Jahrhundert einer derart umfassenden Umwandlung unterzogen war wie China. Wie die kommunistische Bewegung überhaupt so viele Anhänger gerade auch unter den Intellektuellen finden konnte, das hat Cheng mir in diesem Buch auch näher bringen können; er lässt aber auch die Absurdität der Säuberungsaktionen, die Härte des Lagerlebens auf eine fast schon abgeklärt wirkende Weise auf den Leser einwirken.

Zwar hatte der Roman in meinen Augen auch kleinere Schwächen; Handlung voranzutreiben ist zum Beispiel nicht unbedingt eine Stärke des Autors – aber ich hatte selten das Gefühl, so behutsam, Stück für Stück in eine fremde Welt hineingeführt zu werden und auch das mir Vertraute aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Eine unbedingte Empfehlung für alle, die sich für China interessieren und sich auf eine sehr langsame Geschichte einlassen können.

Francois Cheng

Francois Cheng kam Ende 1948 als Student nach Frankreich, das ihm zur zweiten Heimat wurde. Seit 1973 ist er französischer staatsbürger. Doch er ist ein Wanderer zwischen den Welten geblieben und hat mit „Regenbogen überm Jangtse“ erstmals ein breiteres Publikum erreich. Der Roman wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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