Anne Chaplet - Schneesterben

Originaltitel: Schneesterben
Krimi. Verlag Antje Kunstmann 2003
316 Seiten, ISBN: 3888973368

Als der Schnee nach dem strengen Winter endlich schmilzt, findet man nicht nur verloren geglaubte Kinderhandschuhe wieder. Vor dem Ferienhaus der Reglers wird eine Leiche gefunden, tiefgefroren. Vor wenigen Tagen erst hatte man Krista Regler am Waldrand in ihrem Wagen gefunden, stark unterkühlt, beinahe tot - und alles, was sie gesagt hatte, war, dass sie ihren Mann nicht sehen wolle.

Sie sei es gewesen, sie habe den Mann, der als der bekannte Kriegsberichterstatter Michael Hansen identifiziert wurde, niedergefahren. Aber über das Motiv war nichts von ihr zu erfahren; er sei ihr Liebhaber gewesen und hätte sie verlassen wollen, wurde gemunkelt. Oder deckte sie ihren Ehemann? Thomas Regler war seit einiger Zeit auch verschwunden; der Kinderarzt stand, seit ihm eines der Kinder aus dem Dorf bei einer Operation verstorben war, nicht mehr hoch im Kurs; hatte er jetzt seinen Nebenbuhler ermordet?

Doch dank da Krista ein vollständiges Geständnis abgelegt hatte, war kein weiterer Ermittlungsbedarf gegeben. Karen Stark, die zuständige Staatsanwältin, sah jedenfalls keinen Grund, das Geständnis anzuzweifeln; umso weniger, da sie mit Arbeit ohnehin überlastet und mit ihrem Liebeskummer genug beschäftigt war. Nur ihren alten Freund Paul Bremer wollte sie eigentlich zu diesem Fall nochmals anrufen; er lebte in dem Klein-Roda, dem Dorf, in dem der Tote gefunden worden war.

Bremer, selbst erst vor einigen Jahren aus der Stadt hierher aufs Land gezogen, war mit dem Misstrauen der Dorfbewohner allen Fremden gegenüber vertraut. Dass das Urteil über die Reglers lange vor jeder Gerichtsverhandlung gesprochen war überraschte ihn also nicht.

Dass Klein-Roda gegen den anderen ex-Städter, der sich hier nun zum Bürgermeister wählen lassen wollte, Stimmung machte war ebenfalls nicht verwunderlich. Seine Vorschläge, den alten Nazi-Stollen in eine Gedenkstätte umzuwandeln, stießen aber nicht nur auf wenig Gegenliebe, sondern auf geradezu demonstrativen Widerstand; zu viel hätte sich in der Zwischenzeit noch an grausamen Begebenheiten an diesem Ort abgespielt, und um weiter zusammen leben zu können, sollte Gras darüber wachsen. Auch für Bremer wurde der Mantel des Schweigens nicht gelüftet.

Aber in anderer Hinsicht hatte er mittlerweile geglaubt, doch dazuzugehören, die Menschen schon ein wenig zu kennen; als er jetzt aber für sein Mitgefühl mit Krista mit Molotowcocktails bestraft wird, gerät sein Glaube an die Dorfgemeinschaft arg ins Wanken.

Was erst als ein kleiner, im Prinzip auch schon im Vorfeld abgeschlossener Fall erscheint, wird langsam immer vielschichtiger; gut und böse sind nicht so leicht zu trennen, und das komplexe Gefüge einer Dorfgemeinschaft erscheint nicht mehr so stabil, denn nach und nach werden die Bruchstellen sichtbar, die nur durch viel Anstrengung mehr schlecht als recht gekittet werden konnten.

Auch wenn für mich am Ende noch zwei, drei kleinere Fragen offen geblieben sind, war ich dennoch begeistert von diesem Krimi: gut erzählt, interessante Charaktere mit sehr nachvollziehbaren, alltäglichen Nebengeschichten, ein stimmiger Plot, spannend, temporeich, ohne Längen - was will man mehr!

Anne Chaplet

Anne Chaplet ist das Pseudonym von Cora Stephan, Publizistin und Sachbuchautorin aus Frankfurt am Main

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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