Anne Chaplet - Die Fotografin

Originaltitel: Die Fotografin
Krimi. Verlag Antje Kunstmann 2002
318 Seiten, ISBN: 3888972922

Ausgerechnet "Kämpfer" heißt die neue Kollegin - und sie entspricht ihrem Namen. Im Handumdrehen hat sie es geschafft, dass Karen Stark freundlich aber bestimmt gebeten wurde, endlich ihren Urlaub zu nehmen. Und in der Zwischenzeit ihre Fälle an die Kollegin Kämpfer abzutreten. Alle Fälle. Auch den des angeblichen Selbstmords der Eva Rauch, der ihr so gar nicht wie ein Selbstmord erschien. Ein Fall, mit dem sich Karen Stark nicht gerade viele Freunde gemacht hatte - und nun soll er ihr aus der Hand genommen werden?

Dass der Fall Eva Rauch innerhalb kürzester Zeit als "erledigt" zu den Akten wandert, als sie die Unterlagen übergibt, bestätigt dann auch nur Karens Vermutung, abgeschoben worden zu sein. Das widerspricht für sie jeglichem Gerechtigkeitssinn - ausgerechnet ihr tut man so etwas an, die sie mit echter Leidenschaft hinter dem Rechtssystem steht! Und als sie dann vom Auftauchen einer ganz ähnlichen Waffe, wie sie Eva Rauch angeblich bei ihrem Selbstmord verwendet hatte, in Südfrankreich erfährt, beschließt sie, ihren Urlaub eben dort zu verbringen. Und ihr Freund Paul Bremer soll mit - als Dolmetsch.

In dem kleinen Ort in Südfrankreich lebt Alexa Senger jetzt erst seit ein paar Monaten. Sie war skeptisch gewesen vor dem Kauf des Hauses; zu viele leidvolle Erfahrungen wurden in diesem Haus gemacht. Fast alle Paare hatten sich getrennt, die das Haus zuvor bewohnt hatten; und ausgerechnet eine Trennung wollte sie vermeiden. War es nicht schon schlimm genug gewesen, dass ihr Vater sie verlassen hatte? Alle Welt nannte ihn einen Helden, aber lebendig wäre er ihr lieber gewesen. Noch dazu, wo sie am letzten Tag nicht wie sonst einen Abschiedskuss von ihm erhalten hatte. Und nun war auch Ben fort; Ben, der sie dazu gebracht hatte, das Haus zu kaufen, der ihr als einziger Beständigkeit vermittelte. Und dann trotzdem ging.

Die Vorbesitzer hatten ihre Spuren in dem Haus hinterlassen; und als sie den Rucksack und die Kamera der verschwundenen Ada Silbermann im Gerümpel findet, fängt sie an, so wie sie durch die Gegend zu laufen. Und zu fotografieren. Aber schon bei Ada waren nicht alle Bewohner glücklich, dass sie so viel sah...

Drei parallel erzählte Geschichten, die lange wirken, als könnte es zwischen ihnen keinen Zusammenhang geben - das ist die Ausgangslage für den Leser. Jede der sehr unterschiedlichen Frauengestalten weckt das Interesse auf völlig unterschiedliche Weise; die Wurzeln, die sie dann zusammenführen, sind im Terrorismus zu finden.

Ein Krimi, von dem ich sehr angetan bin: einerseits wird spannend und flüssig erzählt, der Plot ist stimmig - und dann wird auf grausame Action-Szenen verzichtet. Es geht weniger darum, Blutvergießen zu schildern, als um ein Psychogramm von Tätern und Opfern und Ermittlern. Das ist der Autorin wirklich überzeugend gelungen.

Dass am Ende kein glatter Schluss wartet, die Guten nicht als die strahlenden Sieger hervorgehen, macht die Sache noch sympathischer; der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit wird hier wieder einmal sehr deutlich.

Anne Chaplet

Anne Chaplet ist das Pseudonym von Cora Stephan, Publizistin und Sachbuchautorin aus Frankfurt am Main

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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