Michael Chabon - Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay

Originaltitel: The Amazing Adventures of Kavalier & Clay
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2002
811 Seiten, ISBN: 3462031368

Sammy Clay hat einen Traum: er will einer von den großen Comic-Zeichnern werden, die Anfang der Dreißiger Jahre ein vorwiegend jugendliches Publikum begeisterten. Dabei war er sich seiner größten Schwäche durchaus bewusst: er konnte nicht gut genug zeichnen.

Doch dann kam eines Abends Josef Kavalier aus Prag bei ihm zu Hause an - sein Cousin, dem auf abenteuerliche Weise die Flucht aus dem besetzten Prag gelungen war. Und Joe war die perfekte Ergänzung zu Sammy: ein Künstler, der mit wenigen Strichen eine ganze Welt entstehen lassen konnte.

Das Prinzip hinter den Comics hatte er rasch erfasst; aber es war Sammy, der forsch eine Comicserie vorstellte, die noch nicht existierte, und es war auch Sammy, der die vage formulierten Ideen zu einer packenden Geschichte wandeln konnte.

Ihre Comics wurden gekauft. Sie durften weitermachen, weiter entwerfen, zeichnen, sich Geschichten ausdenken - und in diesen Geschichten auch ihrer Ohnmacht Ausdruck geben, nichts für Joes Familie in Prag tun zu können. Die Nachrichten, die aus Europa kommen, werden immer dramatischer, doch die amerikanische Öffentlichkeit, vor allem auch die Politiker, scheint das kaum zu kümmern.

Verzweifelt unternimmt Joe immer größere Anstrengungen, zumindest seinen Bruder nach New York holen zu können; aber nicht nur in Europa werden ihm Steine in den Weg gelegt, auch in den USA ist man nicht besonders erpicht darauf, die unvermögenden Flüchtlinge ins Land zu holen. Immer neue bürokratische Hindernisse werden ihm in den Weg gelegt, immer stärker wird sein Hass auf alles Deutsche, auf alle Nazis. Prügeleien sind plötzlich für ihn an der Tagesordnung, und das einzige Ventil, das er außerdem noch hat, sind seine Comics. Sein Superheld ist mit einer besonderen Gabe ausgestattet: er ist ein Entfesselungskünstler, er kann sich aus allen gefährlichen Situationen befreien, und seine Gegner werden immer deutlicher die deutschen Nazis.

So viel Politik in einem Comic? Das ist im Vorkriegs-Amerika verpönt, die Restriktionen werden immer stärker - bis endlich auch Amerika in den Krieg eintritt. Nun könnte alles gut werden - Joes Beziehung mit Rosa ist tief gegründet, und endlich kann auch Joes Bruder auf einem Schiff untergebracht werden, das ihn aus Europa herausbringen wird. Aber im Leben läuft es nicht so wie im Comic - nicht immer siegen die Guten...

Ein fast siebenhundert Seiten dickes Buch, das von zwei Comiczeichnern handelt - dass mich das begeistern könnte, hatte ich eigentlich bezweifelt. Außer Mickey Mouse in frühen Jahren und danach ein bisschen Asterix habe ich mich mit Comics eigentlich nicht beschäftigt - obwohl man natürlich um Superman und Batman trotzdem nicht herumkommt.

Und dann erzählt Michael Chabon in diesem Buch einerseits natürlich die mitreißende und traurige Geschichte zweier junger jüdischer Männer in New York, die mit ihren ganz eigenen Dämonen zu kämpfen haben und ein großes Stück Zeitgeschichte - sondern er lässt auch noch die bunte Welt der Superhelden von Beginn an lebendig werden. Angefangen von der Aufmachung der frühen Hefte bis zu den erzählten Geschichten, der Dramaturgie, die dahinter steckte, die Ausbeutung, die mit dem geistigen Eigentum der Zeichner stattfand - es hat mich wider Erwarten, ja, fast wider Willen völlig in seinen Bann gezogen.

Der große Handlungsbogen läuft nach dem 2. Weltkrieg, also etwa nach drei Vierteln des Buches, nur noch mühsam weiter, das weitere Schicksal von Rosa, Sammy und Joe schleppt sich dahin, um alle Fäden schlussendlich doch noch zueinander zu führen. Hier hätte man gut anfangen können, den Inhalt zu straffen und nicht immer noch ein Thema abzuhaken. Am interessantesten fand ich daran dann nur noch den Prozess, der gegen einige Comiczeichner angestrengt wurde: ihre Geschichten, die sehr häufig von einem Superhelden mit jugendlichem Begleiter handelten, hätten latent homosexuelle Ausprägung und könnten daher den Kindern nicht zugemutet werden.

Chabon packt eine Menge Themen in diesen dicken Schmöker; manchmal hatte ich die Befürchtung, er überfrachtet es, fängt auch zu viele einzelne Geschichten und Handlungsstränge an, die irgendwann eine Übersättigung beim Leser hervorrufen. Aber insgesamt ist *Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay* ein fesselnd geschriebenes, interessantes und definitiv empfehlenswertes Buch. Wer bislang noch aufgrund der Comic-Thematik skeptisch war, ist nun hoffentlich davon überzeugt, diesem Roman dennoch eine Chance einzuräumen - ich glaube kaum, dass man davon enttäuscht sein wird!

Michael Chabon

Michael Chabon, 1963 geboren, lebt mit Frau und Tochter in Los Angeles. Sein erster Roman, "Die Geheimnisse von Pittsburgh", eigentlich die Abschlussarbeit für sein College-Studium in Creative Writing, wurde förmlich über Nacht zu einem Sensationserfolg, der monatelang auf den Bestsellerlisten stand. 2000 erhielt er für "The Amazing Adventures of Kavalier & Clay" den Pulitzer Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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