Peter Carey - Oscar und Lucinda

Originaltitel: Oscar and Lucinda
Roman. (englischsprachiger Verlag) 1988
514 Seiten, ISBN: 0571153046

Seit ich vor etlichen Jahren die Verfilmung dieses Romans im Kino gesehen hatte, wollte ich unbedingt auch das dazugehörige Buch lesen - ein normalerweise etwas riskantes Unternehmen, weil das Kino im Kopf von den bereits gesehenen Bildern überlagert wird.

In diesem speziellen Fall aber war das überhaupt kein Hindernis; dass zwischen Film und Buch für mich sicher 5 Jahre lagen, mag dazu beigetragen haben.

Oscar Hopkins wächst als Sohn des Predigers einer nicht benannten christlichen Splittergruppe heran; einfach und schlicht, ohne überflüssigen Luxus; etwas wie Christmas Pudding war im Hopkinschen Haushalt nicht vorgesehen. Die neue Haushälterin befindet aber, dass der Junge doch zumindest einmal von dieser Köstlichkeit probieren können muss - und bringt damit ohne es zu ahnen einen Stein ins Rollen. Der Vater entdeckt ihn beim Probieren, reagiert so harsch, dass das bis dahin unerschütterliche Vertrauen Oscars erschüttert wird; wie kann etwas so delikates wie Pudding Sünde sein?

Gib mir ein Zeichen, fleht er Gott an; und er erhält sein Zeichen, muss nun, seiner eigenen Vorstellung folgend, das Haus seines Vaters verlassen, um den richtigen Weg zu Gott, den richtigen Glauben zu wählen. Er macht sich auf zu den Strattons, dem Pfarrerspaar im Ort, die sich mit mageren Einkünften gerade so über Wasser halten - sich die Chance, dem übermächtigen geistlichen Nebenbuhler ihre Überlegenheit demonstrieren zu können, aber nicht entgehen lassen, sondern Oscar ermöglichen, sich zum Priester ausbilden zu lassen.

Ein Zufall bringt seinen Kommilitonen Wardly Fish eines Tages in sein Zimmer; Mitleid veranlasst diesen, ihn mit auf die Rennbahn zu nehmen. Ein für Oscar fataler Tag: er entdeckt seine Leidenschaft für Wetten aller Art, und da er seine Gewinne als Gottes Geschenk ansieht, als Zeichen, dass sein Weg, seine Entscheidung richtig war, bleibt sein Gewissen dabei ruhig.

Lucindas Eltern hatten in der Nähe von Sydney / Parramatta eine Farm bewirtschaftet. Eigentlich wollte die Mutter schon nach dem Tod des Vaters wieder zurück nach England; doch der Stolz hält sie dann doch auf der Farm, die sie mit Erfolg bis zu ihrem Tod bewirtschaftet. Lucinda ist noch zu jung, um ihr Erbe sofort antreten zu können; und gegen ihren Willen wird die Farm verkauft. Sie ist nun eine reiche Erbin - und hat nichts zu tun.

Eine Glasfabrik ist das erste, was sie von Sydney bewusst wahrnimmt; Erinnerungen an ein Geschenk ihres Vaters kommen ihr ins Gedächtnis, und sie beschließt, den Betrieb zu übernehmen. Alleine, als Frau, kann sie das nicht - sie braucht einen Mittler und findet ihn in Dennis Hasset, Pfarrer einer kleinen Gemeinde in Sydney, und selbsternannter Experte für Glas.

Lucinda und Dennis werden rasch Freunde; sie fühlt sich in dem kleinen Pfarrhaus wie zu Hause, wohler jedenfalls als in ihrem Pensionszimmer, das sie entsprechend auch flieht, so oft sie kann. Eigentlich wartet sie nur darauf, dass er ihr endlich einen Heiratsantrag macht - doch für Dennis ist sie nicht hübsch genug, nicht weiblich genug, zu selbständig und unkonventionell. Und sie pflegt einen Umgang, der für eine Pfarrersfrau nicht angemessen ist - in der letzten Zeit waren Stimmen laut geworden, dass sie beim Glücksspiel gesichtet worden wäre.

Aber auch ohne öffentliches Bekenntnis zu Lucinda reicht der Kontakt aus, um ihn in Ungnade fallen zu lassen - und Lucinda beschließt, für eine Weile nach England zu gehen. Auf der einen Seite, um mehr über das Geschäft des Glasmachens zu erlernen, aber auch, und dessen ist sie sich sicher, um einen Ehemann zu finden.

Der Ehemann will sich aber auch in London nicht einstellen - also kann sie genausogut zurückkehren, zu ihrer Fabrik, zu Dennis - nach Sydney.

Mit an Bord des Luxusdampfers ist auch Oscar, der an schrecklicher Seekrankheit leidet - eine Einschränkung, die er allerdings geheimzuhalten trachtet. Auch so ist er bereits eine Kuriosität an sich an Bord; aber endgültig ruiniert ist sein Ruf, und auch der von Lucinda, als er nach einem Abend in ihrer Kajüte gefunden wird. Sie hatten die stürmische Nacht mit Kartenspiel verbracht; eine Unziemlichkeit an sich, und wenn man dann noch in Betracht zieht, dass sie ohne Anstandsbegleitung waren, ist die moralische Entrüstung der Mitreisenden vorstellbar.

Sie gestehen es sich lange nicht ein - doch eigentlich ist dies der Beginn einer Liebesbeziehung, die von Missverständnissen, falschem Stolz, und immer wieder ihrer Leidenschaft für das Spiel, die ihnen noch zum Verhängnis werden soll...

Wer dieses Buch lesen will, sollte sich viel Zeit nehmen - Peter Carey erzählt gemächlich, mit viel Liebe zum Detail, unzähligen Abschweifungen, langen Beschreibungen, und beinahe unbemerkt fängt dann die eigentliche Geschichte an.

Careys Sprache und der Charakter der beiden Hauptfiguren sind perfekt aufeinander abgestimmt; zwar kommt zwischendurch bei den mehr als 500 kleinbedruckten Seiten durchaus auch hin und wieder der Wunsch auf, es möge etwas rascher vorangehen, aber diese beiden sind eben kompliziert und widersprüchlich und vor allem auch noch ihrer selbst so unsicher, dass sie ihre Sache laufend verschlimmern.

Ein wunderschönes Buch, eine bezaubernde Geschichte - leider mittlerweile nicht mehr auf Deutsch erhältlich, aber vielleicht wird es ja irgendwann wieder neu aufgelegt. In der Zwischenzeit kann man die englische Originalausgabe genießen.

Peter Carey

Peter Carey wurde 1943 in Bacchus Marsh, Victoria (Australien) geboren und lebt heute mit seiner Frau, der Theaterdirektorin Alison Summers und den beiden Söhnen in New York. Er wurde 1988 und 2001 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Common Wealth, dem Booker Prize ausgezeichnet. "Oscar und Lucinda" wurde von Gillian Armstrong mit Ralph Fiennes und Julianne Moore in den Hauptrollen verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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