Peter Carey - Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang

Originaltitel: The True History of the Kelly Gang
Roman. S. Fischer Verlag 2002
442 Seiten, ISBN: 3596160170

Jedes Land braucht seine Helden. Und zu einem von der westlichen Welt erst so kurz entdeckten Land wie Australien, das zuerst von Sträflingen bevölkert wurde, passt ein Nationalheld wie Ned Kelly ganz ausgezeichnet.

Auch seine Vorfahren hatten nicht darum gebeten, hierher gebracht zu werden; und als sein Vater endlich keine Sträflingskleidung mehr tragen musste, wollte er alles andere, aber gewiss nicht mehr dahin zurück, wo er herkam. Aber dann begegnet er ihr; "Ellen Quinn war 18 Jahre at sie hatte dunkle Haare und eine schlanke Gestalt und sie war die hübscheste Frau auf einem Pferd die er je gesehen hatte." Aber wo die Quinns waren, war auch die Polizei; der Vorsatz, keine Gefängnismauern mehr von innen sehen zu müssen, lässt sich nicht halten, nicht mit einer Frau, die mehr will als ein kleines Farmleben.

Als der Vater stirbt, ist Ned Kelly 12 Jahre alt. Nun ist er der Mann in der Familie; aber bestimmt wird immer noch von der Mutter. Und sie beschließt, sich aufzumachen dahin, wo schon ihre Familie sitzt. Da gibt es gutes Farmland - auch wenn es erst gerodet werden muss. Aber auch dazu braucht man Geld, und wenn etwas immer fehlt im Haushalt der Kellys, dann Geld.

Aber Ellen Kelly weiß sich zu helfen. Sie eröffnet eine illegale Schenke; und die Männer kommen nicht nur wegen des Schnaps weither zu ihr geritten. Am meisten schätzt sie die Besuche von Harry Power, dem Outlaw, Viehdieb, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt; und immer kommt er mit vollen Taschen und lässt genug für sie zurück, ein neues Kleid, ein Goldstück, was auch immer gerade gebraucht wird.

Aber einen Mann wie Harry Power kann man nicht heiraten; und weil Ned ihren anderen Liebhaber nicht leiden mag, und weil Ellen der Meinung ist, einer in der Familie müsse auch dafür sorgen, dass Geld in die Kasse kommt, schickt sie Ned mit Harry Power los. Sein Geschäft soll er lernen - und auch wenn er das erst nicht versteht, lieber nach Hause zurückeilt und dort merkt, das ein anderer jetzt das Sagen hat, er geht doch bei Harry in die Lehre.

Aber gerne macht er es nicht; viel lieber würde er auch einfach nur ein Stück Land bewirtschaften, in Frieden leben - aber immer wieder kommt etwas dazwischen. Ein Bekannter, der ein Pferd bei ihm unterstellt - das sich als gestohlen erweist, wofür Ned dann hinter Gitter muss, oder was auch immer...

Die Geschichte an sich ist rasch erzählt von diesem Mann, der in Australien durch seinen Widerstand gegen die korrupte Polizei zum Idol geworden ist; der lange mit den Behörden Katz und Maus gespielt hatte, weil er durch die Bevölkerung geschützt war, denen er durch seine Hilfsbereitschaft näher stand als ein abstraktes Rechtssystem.

Soweit ist das ein Abenteuerroman, ein historischer Roman, wie es ihn wahrscheinlich unzählige Male zu lesen gibt, bestimmt auch über die hier vorliegende Thematik.

Aber was den unglaublichen Reiz des Buches ausmacht ist die Erzählweise. Peter Carey lässt Ned Kelly selbst zu Wort kommen; er erfindet eine Sprache, die auf Grammatik weitgehend verzichtet und doch nicht nur wunderbar gut lesbar bleibt, sondern ihren ganz eigenen Sog auf den Leser ausübt. Lakonisch werden Allgemeinplätze ebenso in den Erzählfluss eingebaut wie auch süffisante Bemerkungen.

Wie es Peter Carey hier gelingt, dem Leser das Bild eines Mörders und Diebes zu präsentieren, der doch eigentlich immer nur hehre Absichten hegte, der mit seiner Naivität und Leichgläubigkeit eigentlich ein Opfer ist, kein Täter - das kann man nur selber lesen, eine Beschreibung ist nicht hinreichend.

Ohne Punkt und Komma schreibt Ned Kelly seinen Lebensbericht für seine Tochter, die er nie sehen sollte; immer wieder entschuldigt er sich dafür, nicht gelehrt genug zu sein, sich nicht gewählt ausdrücken zu können, denn schließlich wäre er nur ein ungebildeter Rüpel, dem schlussendlich die Eitelkeit zum Verhängnis wird.

Als ich im letzten Herbst gelesen hatte, dass Peter Carey für einen auf Tatsachen beruhenden historischen Roman den Booker Prize erhalten hatte, war ich eigentlich enttäuscht. Was interessiert mich die Geschichte eines Viehdiebs! Nur das Zauberwort "Australien" (in Verbindung mit dem zweiten Zauberwort Booker) hat für mich den Ausschlag gegeben, doch mal einen Blick in das so hochgelobte Werk zu werfen.

Zum Glück! Ich hätte etwas verpasst - und Peter Carey hat es redlich verdient, für diese sprachliche Meisterleistung ausgezeichnet zu werden!

Peter Carey

Peter Carey wurde 1943 in Bacchus Marsh, Victoria (Australien) geboren und lebt heute mit seiner Frau, der Theaterdirektorin Alison Summers und den beiden Söhnen in New York. Er wurde 1988 und 2001 mit dem wichtigsten Literaturpreis des Common Wealth, dem Booker Prize ausgezeichnet. "Oscar und Lucinda" wurde von Gillian Armstrong mit Ralph Fiennes und Julianne Moore in den Hauptrollen verfilmt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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