Albert Camus - Der Fremde

Originaltitel: L´Etranger
Roman. Rowohlt Verlag 1994
143 Seiten, ISBN: 3499221896

Meursault, ein junger Franzose, lebt in Algier. Er hat einen guten Job, den er ohne großen Ehrgeiz bewältigt, ein paar Freunde. Seine Mutter ist gerade gestorben, er war zum Altersheim gefahren, hatte Totenwache gehalten, sie beerdigt und war zurück nach Algier gefahren. Die Entscheidung, seine Mutter ins Altersheim zu geben, hatte ihm einen schlechten Ruf im Viertel eingetragen, aber "sowohl Mama wie ich hätten nichts mehr voneinander erwartet, noch von sonst jemand übrigens".

Am Tag danach begegnet er Marie wieder, einer Frau, die er im Büro kennen gelernt hatte, geht am Abend mit ihr in einen lustigen Film und fängt ein Verhältnis mit ihr an.

Sein Nachbar hat Probleme mit einer Frau, sie hat ihn beleidigt, und er will sich an ihr rächen - doch ihm fehlen die Worte, den gemeinen Brief zu schreiben, den er sich vorstellt, also erledigt Meursault das für ihn, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen. Die macht er sich auch noch nicht, als sein Nachbar diese Frau dann verprügelt und daraufhin von deren Schwester verfolgt wird.

Gemeinsam mit Marie und seinem Nachbarn macht er einen Ausflug zum Meer - wo sie wieder auf die Araber treffen, die seinen Nachbarn verfolgen. Und am Ende des Tages hat alles sich geändert - "ich begriff, dass ich das Gleichgewicht des Tages, das ungewöhnliche Schweigen des Strandes zerstört hatte, an dem ich glücklich gewesen war. Dann schoss ich noch viermal auf einen leblosen Körper, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es sah. Und es waren gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils".

Als ich die ersten 50 Seiten dieses Buches gelesen hatte, war ich ja noch sehr skeptisch, warum mir ausgerechnet von diesem Buch so vorgeschwärmt worden war. Eine Handlung, die emotionslos vor sich hin plätschert, ein junger Mann, dessen Mutter gestorben ist, der eine neue Freundin findet - und alles registriert er zwar, findet es bedauerlich oder eben schön, aber ohne davon tiefer berührt zu sein.

Ob er am Nachmittag dasitzt und aus dem Fenster sieht oder mit jemandem ausgeht, ist einerlei - großteils hört er den Geschichten ohnehin nicht zu, die ihm erzählt werden. Und ob er nun Marie heiratet, die ihn liebt, oder eine andere Frau, die ihn vielleicht fragen würde - was kümmert es ihn!

Doch dann kommen die Schüsse am Strand. Und.... nichts passiert. Ob er nun im Gefängnis sitzt und in Freiheit lebt - so groß ist ihm der Unterschied nicht. Man gewöhnt sich an alles, hatte auch seine Mutter schon gesagt. Und genauso emotionslos lässt er auch den Prozess über sich ergehen.

Und dem Autor gelingt eines: während man mitliest, schaukelt man so auf dem bequemen, trägen Strom von Meursaults Gedanken mit, und wundert sich mit ihm, warum die Umwelt sich so aufregt, so unbedingt Reue sehen will? Und empfindet es mit ihm als langweilig, die Fragen zum Tathergang zum wiederholten Mal beantworten zu müssen.

Ob er denn nicht an Gott glaube, daran, dass er eine Sünde begangen habe? Was denn eine Sünde wäre, fragt er - man hätte ihm beigebracht, dass er schuldig wäre, er bezahle dafür, und mehr könne man nicht von ihm verlangen.

Der Mensch ohne Gewissen - aber auch ohne jede Absicht oder Ehrgeiz; das ist es, was Albert Camus uns mit dieser Romanfigur vor Augen führt. Eine erschreckende Vision.

Albert Camus

Albert Camus, geboren am 7. November 1913 als Sohn einer Spanierin und eines Elsässers in Algerien, studierte von 1933 bis 1936 an der Universität Algier Philosophie. 1934 trat er der Kommunistischen Partei Algeriens bei, brach jedoch drei Jahre später mit der KP. 1940 zog er nach Paris, 1957 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1960 bei einem Autounfall.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Unter dem Zeichen der Freiheit
  • Der erste Mensch
  • Der Mythos des Sisyphos
  • Die Pest
  • Der Fremde

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