Italo Calvino - Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Originaltitel: Se una notte d´inverno un viaggiatore
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1983
313 Seiten, ISBN: 342310516X

Der Leser kauft einen Roman von Italo Calvino. Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Voll Vorfreude eilt er nach Hause, sucht sich die bequemste Lesehaltung (über die geteilte Meinungen herrschen) und fängt an. Er ist erst ein wenig überrascht: was er hier liest, entspricht nicht dem Stil des Autors, den er sonst kennt. Aber gerade das zeichnet ihn auch aus - dass er immer wieder neu schreibt. Doch was nun? Nach 30 Seiten muss er feststellen: er hat diese Passage, jenen Absatz bereits gelesen. Schnell blättert er weiter: und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass das Buch falsch gebunden wurde, dass der Rest fehlt.

Der Leser eilt in die Buchhandlung, um ein neues Exemplar zu erhalten. Nicht nur, dass hier eine falsche Bindung vorliegen würde, muss er nun erfahren; es handelt sich auch um ein komplett anderes Buch, es wäre vertauscht worden. Doch der Leser will nun nicht den ursprünglich gekauften Roman, er will das Buch zu Ende lesen, das er sich gestern erst gekauft hatte. Er steht mit dieser Entscheidung nicht alleine da; es gibt noch eine zweite Leserin, die so wie du nun schon sehr neugierig auf die Fortsetzung der eben begonnenen Lektüre harrt.

Der Leser eilt nach Hause, um so rasch wie möglich mit der Leserin wieder in Kontakt treten zu können, ihr zu erzählen, wie ihm das Buch denn nun gefallen hätte.

Ein kurzer Blick genügt: es handelt sich wieder nicht um das gesuchte Buch. Hier hat er ein völlig anderes - das ihn allerdings nach wenigen Seiten völlig in den Bann zieht. Um plötzlich abzubrechen und nur noch weiße Seiten aufzuweisen - zum Verzweifeln! Der Leserin, so erfährt er, ist es genauso ergangen. Gemeinsam versuchen sie nun, sich auf die Suche nach der Fortsetzung dieses Buches zu machen.

Sie versuchen es an der Universität, ihnen wird wieder ein völlig anderer Roman genannt, der natürlich nicht vollendet wurde.

Die beiden beginnen zu verzweifeln, da jedes begonnene Buch an der spannendsten Stelle aufhört....

Böse, wie hier der Literaturbetrieb auf die Schaufel genommen wird!

Der Autor spielt hier mit dem Leser, den er als solchen auch immer direkt anspricht; so wie der Leser im Buch immer wieder aus der Geschichte herausgerissen wird, so passiert es auch dem tatsächlichen Leser. Wobei ich auch gleich anmerken möchte, dass mir nicht alle Romananfänge wirklich gefallen hatten; den einen oder anderen müsste ich nicht zu Ende lesen.

Ich weiß ja nicht, wie es anderen Leser dabei ergehen mag; ich jedenfalls habe mich sehr häufig mit meinem Leseverhalten, meiner Sucht ertappt gefühlt.

Und mich königlich amüsiert über die Schwester der Leserin, die sich nur daran macht, ein Buch wissenschaftlich zu analysieren - am besten per Computer, mit der Wortzählmaschine, die sofort verrät, um was für eine Art Buch es sich dabei handelt.

Es hatte zwar zwischendurch immer mal wieder kleinere Hänger - trotzdem kann ich dieses Buch all jenen nur empfehlen, die diese spezielle Art Humor schätzen können!

Italo Calvino

Italo Calvino, am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas/Kuba geboren, wuchs in San Remo auf, war 1943 Partisan, studierte Literatur in Turin, arbeitete nach dem Krieg als Journalist und Lektor und starb am 19. September 1985 in Siena

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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